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Phänomene jamaikanischer Musikkultur – Teil 4


Soundclash Killamanjaro Freddy Krueger vs Pow Pow Soundsytem - copy Floyd Celluloyd - reggae magazin revolutionSo weit so gut. Langsam begann sich auch die Musikindustrie auf Jamaika zu entwickeln. Im vierten Teil der Serie »Phänomene jamaikanischer Musikkultur« geht es um eben diese Industrie, die Rolle der Tonträger, die Dubplates und zuguterletzt um das Phänomen der Soundsystems an sich…

Der Beginn einer Musikindustrie
Es entwickelte sich zwar schnell ein eigenständiges Gewerbe, in dem die Besitzer mit ihren Sound Systems versuchten ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, die Musikindustrie Jamaikas steckte derzeit jedoch noch in den Kinderschuhen. Produzenten konzentrierten sich fast ausschließlich auf Mento-Aufnahmen, die vor allem für den eigenen Markt, teilweise auch für den Export in die USA, bestimmt waren. Die Sound Systems und deren Musik galten zu jener Zeit noch, der Meinung der »Offiziellen« Jamaikas nach, zu den unangesehenen Produkten der »schwarzen« Ghettos.

Vorerst war man also abhängig von den Eintrittsgeldern der Blues-Dances. Nach dem Rückgang der Produktionen von Rythm and Blues Platten infolge des Rock’n’Roll-Trends in Nordamerika, waren die Besitzer der Sounds allerdings gezwungen Platten in Eigenproduktion herzustellen.

Einer der ersten Musikproduzenten im Zusammenhang mit den Sound Systems war der bereits in Teil 3 erwähnte Clement Sir Coxsone Dodd mit seinem »Sir Coxsone Downbeat«Sound System. Er stieg 1959 ins Produktionsgeschäft ein. Kurze Zeit später gründete er das legendäre Studio One, was bis Mitte der Sechziger den Musikmarkt auf Jamaika dominierte.

Seit Ende der fünfziger Jahre also, begann man auch talentierte, lokale Dee Jays zu »fördern«, die für einen minimalen Lohn über die Riddims der Musikproduzenten toasteten und ihre Rechte gleichzeitig an die Produzenten abgeben mussten. Für viele junge Toaster war das die einzige Möglichkeit an Geld zu gelangen. Diese Verhältnisse änderten sich zwar über die Jahre auf Grund neuerer Gesetze und Verordnungen, ausgeschlossen sind solche Fälle jedoch auch heute nicht. Zumal witterten auch viele Jugendliche hier ihre einzige Chance, mit Hilfe der Musik das Ghetto irgendwann einmal zu verlassen.

Der Unterschied zur heutigen Musikindustrie bestand zu jener Zeit wohl darin, daß es eigentlich keine gab. Der Besitzer eines Soundsystems war oft gleichzeitig Produzent. Der Produzent stand somit in unmittelbarem Kontakt mit dem Rezipienten, also dem Zuhörer, oder besser dem Käufer, was den Vorteil hatte, dass die Produzenten direkt auf die Reaktionen des Dance-Publikums auf neue Singles oder Riddims reagieren konnte. Keine Musikindustrie verfälschte und beeinflusste somit die Produktion bzw. das Publikum.

Eine mit etwa der, der USA vergleichbaren Industrialisierung des Musikgeschäftes auf Jamaika begann erst mit den ersten kommerziellen Erfolgen von Bob Marley und seinen Wailers zu Beginn der siebziger Jahre.

Die Rolle des Tonträgers
»Der Tonträger ist als Partitur der Popmusik zu verstehen.« Der Dee Jay sieht die abspielende Platte als seine Noten an. Er orientiert sich an dem Rhythmus, der Melodie und der Basslinie und passt sich dem an. Die Schallplatte bildet hier die Basis fürs Ganze. Ohne Schallplatte, sei es Vinyl oder Acetat, gäbe es folglich keine Soundsystems. Und ohne die Soundsystems wäre wohl auch das Toasten nicht entstanden.

Die Dubplates
Das Phänomen der Dubplate ist in ihrer Bedeutung für die jamaikanische Musikkultur nicht wegzudenken.
Die Dubplate, in der Tonstudiotechnik auch bekannt als »Acetat«, ist eine, meist vom Sound System selbst, produzierte Schallplatte. Sie besteht im Gegensatz zu einer üblichen Schallplatte aus Aluminium, die mit einem speziellen Lack, dem Acetat, beschichtet wird. Der entscheidende Unterschied zur üblichen Schallplatte aus Vinyl ist, dass jede produzierte Dubplate stets ein Unikat ist. Diese unikaten Aluminiumplatten wurden früher, auf Grund der billigeren Produktionskosten, dazu genutzt, einen eigenen, neu produzierten Riddim vorerst einmal in der Dancehall zu testen.

Wurde der neue Riddim vom Publikum begeisternd aufgenommen, lohnte es sich für die Produzenten Diesen auf Vinyl zu pressen. Dieser eigene Riddim wurde jedoch oft als Unikat beibehalten, um die Attraktivität des eigenen Sounds zu steigern. Für die konkurrierenden Sounds war es somit unmöglich diesen Riddim zu nutzen. Ein weiterer Reiz bestand bzw. besteht darin, einen bekannten Dee Jay über eine bestehende Version toasten zu lassen, um das Produkt schließlich auf eine Dubplate zu pressen.

Man hat somit ein nur für sich eigens eingespieltes Unikat vorliegen. Dieser Reiz artete mit der Zeit zu einem wahren Sammlerwahn solcher unikaten Aluminiumscheiben aus. Sowohl auf Privatpersonen, als auch auf professionelle Soundsystems, die wiederum durch solche unikaten Toasts bekannter Künstler das Ansehen ihres Soundsystems steigern konnten bzw. können, ist dieses Phänomen zu beziehen. Dubplates spielen noch heute für die Soundsystems eine entscheidende Rolle. In einem offiziellen Sound Clash dürfen ausschließlich Dubplates gespielt werden.

Der große Nachteil ist jedoch die schnelle Abnutzung des Materials. Da der verwendete Lack weicher ist als Vinyl, macht sich bei der Dubplate etwa nach 50-100maligem Abspielen ein deutlicher Klangverlust bemerkbar.

Das Phänomen Soundsystem
Was jedoch machte das Phänomen Soundsystem erst zu einem einzigartigen Phänomen jamaikanischer Musikkultur? Grundvoraussetzung war zunächst einmal die Begeisterung für die von den Soundsystems gespielte Musik, den Rhythm and Blues.

Wichtig war der ihnen so vertraute Rhythmus, den sie im Rhythm and Blues wiedererkannten. Dieser Rhythmus hatte einen festen Platz in ihrer musikalischen Ästhetik. Sie konnten sich somit mit dem »schwarzen« Rhythm and Blues identifizieren, zumal auch textlich ein Zusammenhang bestand. Man beachte das »Wir-Gefühl« der »Schwarzen«, was in jener Zeit in den Songtexten verschiedener »schwarzer« Musikstile ausgedrückt wurde.

Auf Grund dieser Identifizierung war es nicht verwunderlich, dass die Veranstaltungen mit den Soundsystems, die Dances oder auch die Sound Clashs, auf große Resonanz trafen. Außerdem muss der soziale Hintergrund mit einbezogen werden. Die Idee der Soundsystems und der Dances waren Produkte der Unterschicht. Sie entstanden in den Ghettos von Kingston. Die soziale Verbindung zur Entstehungsgeschichte ist also unumgänglich. Einerseits war es, wie in einigen Abschnitten zuvor schon erwähnt, für viele Einheimische fast unmöglich den so beliebten neuen Musikstil zu hören, andererseits waren die Dances eine Möglichkeit der Armut, jedenfalls für den einen Abend, zu entkommen.

Wie auch heute in den meisten Kulturen, erfüllte auch damals die Unterhaltungsmusik den Zweck, den Alltagsstreß zu vergessen. »Im Miteinander des Singens, ob lautstark oder stumm, lässt sich Gemeinschaft und Gemeinsamkeit noch immer auf eine der unkompliziertesten Weisen vermitteln«.

Eine Ausnahme machten jedoch die ebenfalls erwähnten Rude Boys. Die Rude Boys entwickelten sich zwar, auch im Hinblick auf deren soziale Situation, ebenfalls zu einer Gemeinschaft, gar einer eigenen Subkultur, den Alltagsstreß jedoch bauten sie auf ihre Weise während den Veranstaltungen ab.

Einen weiteren festen Platz in der musikalischen Ästhetik der Jamaikaner hat der Bass. Man beachte, dass ihre klassischen Musikformen stets die Trommel mit einbezogen. Analysiert man nun einmal das natürliche Bewegungsverhalten der Dance-Besucher, wird schnell die Verbindung zu Rhythmus und Bass hergestellt. Der bekannte Rhythmus und auch der Bass können somit als Auslöser des Bewegungsverhaltens angesehen werden.

Je lauter der Bass, desto besser. Durch die Bassschwingungen, die physisch vom Rezipienten, also des Dance-Besuchers, aufgenommen werden, liegt einmal mehr der Auslöser des Bewegungsverhaltens zu Grunde, wobei zusätzlich verstärkend eine eindeutige Maximierung der physiologischen Empfindung vorliegt. Liegt größeres Bewegungsverhalten vor, somit steigt die Stimmung.

Zusätzlich entsteht durch den Basseffekt eine Art Machtbild. Je lauter und physisch spürender der Bass, desto mehr Macht und Einfluss hat der Selector auf den Rezipienten, ebenso gegenüber dem nunmehr unterdrückten Sound-Clash-Gegner. Dieses Machtbild ist in der Kultur der Sound Systems nicht unterzubewerten. Wie bisher gesagt, geht es vor allem darum, das Publikum mit den seltensten Platten, mitreißenden Rhythmen und anspornenden Toasts zu unterhalten. Im Clash jedoch soll zudem das eigene Machtbild zum primären Faktor werden, um dieses eindrucksvoll dem Gegner unter Beweis zu stellen.

Worin liegt nun der entscheidende Unterschied zwischen einer üblichen, uns Europäern besser bekannten Diskothek, und der Dancehall Jamaikas und ihren Soundsystems?

In der Dancehall ist Jeder von Jedem abhängig, oder besser gesagt, jeder dieser Beteiligten beeinflusst den Anderen. Wenn der Selector einen neuen Riddim auflegt, so muss der Dee Jay passend darauf reagieren. Der Dee Jay dagegen kann durch Rufe ins Mikrophon wie beispielsweise »Cut! Cut!« für eine Unterbrechung, oder »Run Riddim Run!« für einen Wiederbeginn sorgen. Es ist dabei äußerst wichtig, dass auf das Publikum eingegangen wird.

Das Publikum hat hierbei die Möglichkeit auf den momentan ertönenden Toast oder Riddim zu reagieren, sei es durch begeistertes Tanzen oder ebenfalls durch Zurufe, sei es positivem oder negativem Inhalt. Das Sound System muss somit spontan auf die oft überraschenden Reaktionen des Publikums reagieren, um nicht das vorzeitige Ende des Dance oder gegebenenfalls des Clash herauszufordern.

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