Und wir bleiben dran. In dieser Folge geht es um die Soundsystems an sich. Was macht ein Soundsystem aus. Wieso Soundsystem? Wieso ist die Soundsystem Kultur ein Phänomen für sich? Antworten auf diese Fragen gibt es in diesem Artikel zu lesen.
Die Soundsystems
Die Soundsystems Jamaikas entstanden etwa Mitte der Fünfziger Jahre als Idee, den für die vielen Einheimischen unzugänglichen Sound des Rhythm and Blues in den Gettos von Kingston zugänglich zu machen. Die »Schwarze Musik« aus Amerika wurde damals von Jamaikas offizieller Kultur nicht akzeptiert und im staatlichen Radio boykottiert. Es waren derzeit noch die traditionellen Mento-Bands, die das Radioprogramm bestimmten, die Jugendkultur der Ghettos das jedoch nicht akzeptieren wollte.
Die bekannten Rhythm and Blues Radiosender aus Miami waren es folglich, die großes Interesse seitens der sich neu entwickelnden Subkultur wägten. Das Problem aber war, obwohl diese Radiostationen eine so große Sendekraft hatten, dass man sie problemlos mit dem kleinsten Transistorradio auf Jamaika empfangen konnte, leisten konnte sich die Unterschicht dies jedoch meist nicht.
Einige Versuche, lokale Rhythm and Blues Bands zu gründen und zu fördern, scheiterten schon bald an ihrer mangelnden Qualität. Diese mobilen Diskotheken jedoch machten die Musik für alle zugänglich.
Die ersten Soundsystems waren äußerst simpel aufgebaut. Der DeeJay nahm einen Plattenspieler und zwei Boxen, baute sie auf einen alten Lkw, nahm ein Mikrophon in seine Hand, womit er seine Platten kommentierte, und zog damit durch die Strassen. Es waren meist diejenigen, die sich in den USA Arbeit verschaffen konnten, sich dort Geld für das Equipment eines Soundsystems erarbeiteten und die raren amerikanischen Rhythm and Blues Platten mit nach Jamaika brachten, um diese auf ihren selbstgebauten rollenden Diskotheken spielen zu können. Nicht selten kratzten die Besitzer der Soundsystems die Labels der neuen, raren Platten aus den Südstaaten Amerikas ab, damit deren Herkunft für die konkurrierenden Soundsystems unerkannt blieb.
Als Pioniere dieser weitreichenden Kultur gelten Clement Sir Coxsone Dodd oder V-Rocket. Es heißt, dass die ersten Dee Jays durch die Disc Jockeys amerikanischer Radiosender inspiriert worden sind, die schon einige Jahre zuvor es für angebracht hielten, dem Rhythmus des laufenden Songs angepasst zu sprechen.
Einmal bestand der Reiz der Sound Systems darin, die seltensten und besten Rhythm and Blues Platten zu spielen, und andererseits sie so laut wie möglich zu präsentieren, was eine Art Konkurrenzdenken entstehen ließ. Die Sounds traten schon bald, nicht nur als zufälliges Event in den Gettos, sondern auf geplanten Veranstaltungen auf.
Bei diesen Veranstaltungen wurden demnach mindestens zwei Sounds eingeladen um eine Art »musikalischen Kampf« zweier Soundsystems herauszufordern, was folglich die allgemeine Stimmung in den Dancehalls bis ins Unermeßliche steigern konnte. Diese sogenannten »Kämpfe« sind, auch heute noch, besser bekannt als Sound-Clashes. Es entstanden in den Folgejahren zudem noch reine »Turniere«, auf denen sich meherere Sounds im 1-gegen-1-Modus durchsetzen mussten, wobei das Publikum entschied, welches Soundsystem eine Runde weiter war. Das Finale, in dem die beiden übriggebliebenen Sounds schließlich gegeneinander antraten und den Sieger dieses »Sound-Clashs« ermittelten, nannte bzw. nennt man »dub-fi-dub«.
Dee Jay, Selector…die ganze Crew
Ein Soundsystem bestand bald schon nicht mehr aus nur einem DeeJay, der seine seltenen Platten auflegte und diese mit einigen simplen Ausrufen kommentierte. Mittlerweile war ein ganzes Team für ein Soundsystem verantwortlich. Der DeeJay konzentrierte sich fast ausschließlich auf sein Mikrofon und kommentierte seine Platten, heizte das Publikum mit Sprüchen wie »Work it! Work it!« oder »Move it up!« ein und versuchte durch teilweise beleidigende Sprüche das für ihn schwächere, gegnerische Soundsystem niederzumachen und somit das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Dieses orale Übertönen der laufenden Platte nannte man »Toasten«, die einzelnen Sprüche folglich »Toasts«.
Die klassische Aufgabe des DeeJays erhielt nun der sogenannte »Selector«. Die Aufgabe war grundsätzlich mit dem uns heute bekannten Disc Jockey zu vergleichen. Der Selector hatte jedoch in seinem »Control Tower«, wo seine Plattenspieler und das Mischpult positioniert waren, die Möglichkeit, durch ebenfalls installierte Effektgeräte, Echo, Hall oder andere Effekte wie Sirenen und Hupen den spielenden Versions beizufügen, um schließlich den individuellen Sound ihres Soundsystems zu prägen. Weitere Helfer des Teams waren die Roadies, die für den Auf- und Abbau des Equipments zuständig waren, die Fahrer, der Operator, der die Technik und das Mischpult während des Auftritts im Auge behielt, teilweise auch den Selector an den Effektgeräten unterstützte, die Scouts, die vor allem in Nordamerika Ausschau nach neuen, seltenen Singles hielten, die Spies, die versuchten die raren Platten der gegnerischen Sound Systems auszuspionieren und schließlich der Besitzer mit dem nötigen Kapital, der auch oft gleichzeitig als Promoter fungierte und sich um neue Auftritte bemühte.
Das Toasting
Das Toasting bezeichnet, wie schon zuvor erwähnt, das «Ãœbersprechen« und Kommentieren des momentan vom Selector aufgelegtem Songs, einem meist bekanntem Riddim oder einer Version. »Eine Diskothek ohne Live-Mikrophon ist eine öde Sache, ein endloses Abspulen von Tonkonserven, ein Ertränken des Publikums im Maschinenklang. Kein Wunder deshalb, dass die redegewandten jamaikanischen DeeJays zum Mikrophon griffen, um der Tanzveranstaltung ein bisschen mehr Pep und Leben zu geben.« (aus Worte wie Feuer)
Neben gereimten Äusserungen wie »I’m hard to catch / I’m hard to hold« , »Stick around, be no clown / See what the boss is puttin‘ down« oder stimmliche perkussive Effekte wie »Chicka-chup chicka-chup…« , um die tanzende Menge einzuheizen, versuchte man während des Sound Clashs auch durch abstoßende Bemerkungen dem gegnerischen Soundsystem gegenüber, das Publikum auf seine Seite zu ziehen.Erst diese Kunst vermenschlichte die Dancehall Atmosphäre und machte die Clashes zu lebendigen Aufführungen.
Seit den späten sechziger Jahren entwickelten sich die Toasts bzw. die Toaster soweit, dass Schallplatten mit Instrumentalversionen und diversen Toasts produziert wurden und sich somit eine eigene Kunst entwickelte. Als Pionier dieser ausgereiften Kunst gilt der als U-Roy bekannte Toaster Edward Beckford. Die frühen Aufnahmen von beispielsweise Lord Comic wirken dagegen noch relativ frei, kaum rhythmischer Zuordnung. U-Roy dagegen »spricht nicht bloß den Text, er intoniert ihn, ohne aber dabei zu singen.«
Dieser jamaikanische, vor allem von U-Roy perfektionierte Sprechgesang, wird auch als Vorläufer und Ursprung des amerikanischen Hip Hop gesehen, der Anfang der siebziger Jahre in New York seinen Ursprung hat. Angeblich soll es der gebürtige Jamaikaner Kool DJ Herc gewesen sein, der die kreativen Errungenschaften der Toaster zurück mit in die USA nahm.
Teil 4 folgt…















