Einflüsse sämtlicher Religionen und Glaubensrichtungen kann man an den Dreadlocks festmachen. So wissen wir schon vom ersten Teil, dass zwar die Rastafarians diese Haartracht weltweit bekannt machten, aber die Filzlocke an sich wohl schon seit Beginn der Menschheit verschiedene Kulturen schmückt.
Als Ende des Neunzehnten Jahrhunderts billige Arbeiter aus Ost-Indien auf die englischen Felder in Jamaika geschickt wurden, waren auch einige Sadhus unter ihnen. Indische Heilige, die asketisch leben und ihre Haare zu Locken verfilzen lassen. Wenn das mal keinen Eindruck auf eine gerade im Entstehen begriffene »neue« Rastafari-Bewegung, die doch so alt ist, machte, dann weiß ich nicht, wie sich so viele Parallelen finden lassen, die beide Philosophien verbindet. Zumal sich das Christentum als Quelle zu erkennen gibt, die sich selbst aus den Veden (Anm: heilige Schrift des Hinduismus) und der Bhagavatgita, der indischen Hindus zweifellos bedient hat. Man bedenke aber, dass sich das Christentum in Äthiopien unabhängig vom Christentum in Rom entwickelt hat. Sie haben sich damals schon nichts von Rom vorschreiben lassen, warum sollten sie es also von Mussolini und seinen Truppen Jahrhunderte später?
Jetzt wirft er wieder alles in einen Topf. Die Sadhus waren die Inspiration von Rastafari? Bestimmt nicht so, wie der vorschnelle Leser zunächst vermutet. Denn die Inspiration kommt von Einem und das in jeder religiösen Anschauung. Egal wie die Wege benannt werden und wo sie sich treffen, alle kommen und gehen zum gleichen Ziel. Die Sadhus stehen, was die spirituelle Praxis angeht, in kleinerem Gegensatz zu Rastafari als beispielsweise die heutigen sogenannten »Christen«. Sadhus sollten strikte Vorgaben einhalten, was das Leben in Askese, Abkehr von weltlichen Gütern und sexuelle Enthaltsamkeit betrifft. Letzterer Punkt ist bei Rastafarians nicht so ausgeprägt, denn sie führen ja auch Ehen und haben Kinder.
Die Sadhus sehen die Dreadlocks, die bei ihnen Jatta genannt werden, als direkten Bund mit Shiva, dem Gott der Zerstörung und des Aufbaus. Eine Hindu Legende erzählt von der Göttin Ganga, der Flussgottheit (Ganges), die ihre Leute in der Tiefebene im Stich ließ um sich im Himalaja zu verstecken. Ein nach Wasser dürstender Sadhu vollzieht außerordentliche Devotionen und Askese. Als Antwort auf seine Gebete und damit er nicht weiterhin so dahinvegetieren muss, ist Ganga einverstanden wieder zurück zu fließen. Aber Shiva, der nicht will, dass die Kraft des Flusses alles unter Wasser setzt, erlaubt dem Ganges sanft durch seine magischen Locken zu fließen. Für die Gläubigen bedeutet es zum Fest des Kumbh Mela, das »Fest des Kruges«, ein direktes Pilgern und Abtauchen in die nasse Masse. 2001 war wohl mit die größte religiöse Zusammenkunft mit 30 Millionen Pilgern, die ihre Körper und Seelen rein waschen wollten. Denn dafür standen angeblich die Sterne besonders gut für dieses Fest, das erst in 144 Jahren wieder ähnlich verheißungsvoll abgehen soll. Übrigens eine Legende über die man ruhig mal meditieren kann, um eine mögliche Entsprechung im geistigen Leben zu finden.
Auch Sadhus sind nicht frei von weltlichen Verhaltensweisen. So sind auch schon einige bewaffnete Konflikte um den besten Platz beim Bad im Ganges gelaufen. Es gibt nämlich auch hier Splittergruppen und Anführer derselben. Einige Sadhu »Posses« sind auch an dieser Pilgerfahrt mit Dreizack und Speer bewaffnet und von Musikgruppen begleitet. Es gibt Gefolgsleute Shivas, die Shaivas; Vishnus, die sogenannten Vaishnavas, und Sikha. Aber wie gesagt, alles kommt und geht zu EINEM. Denn sonst sind die Sadhus mit dem spirituellen Leben Tag und Nacht ausgefüllt. Schließt man sich einer Bruderschaft an, kann man davon ausgehen jeden technologischen »Müll« über Bord zu werfen und sich ein natürliches Grundverhalten anzulegen.
Viele Rituale werden vollzogen, um mit der spirituellen Energie, die allen organischen Dingen innewohnt, die Himmel und Erde zusammen halten in Verbindung zu sein. Die Shaivas schüren Holz oder getrockneten Kuhdung als heiliges Feuer, dhuni genannt. Um ihre kleinen Altare rumsitzend rauchen sie eine Mixtur aus Tabak und Haschisch oder Ganja. Die Chilam, oder Pfeiffe, repräsentiert Shivas Körper; die Charas (Hasch) oder Ganja, seinen Geist; der Rauch, seine Präsenz. Die eingeleitete Höhe wird als Selbst-Realisation betrachtet, ein Moment der Einheit mit Gott. Eine Rigvedische Hymne besagt: « Der langhaarige Weise trägt in sich selbst Feuer und Elixier und beides, Himmel und Erde. Ihn anzuschauen ist wie himmlische Helligkeit in seiner Fülle. Von ihm wird gesagt, dass er selbst Licht ist.«
Und ein Sadhu, Sri Sri Ramnarain Das, meint, er verwendet seine Zeit nicht über seine Jattas nachzudenken, sondern er läßt sie einfach wachsen bis er stirbt. Wenn er dann stirbt, bringen ihn die Leute zum Fluß, binden Steine an die Haare, fahren ihn mit dem Boot raus und werfen seinen Körper in den Ganges. An den Jattas wird er in den Himmel hinauf gezogen. Ein anderer Sadhu, Ramchander Das sagt, er ist ein »tyagis«, ein Verzicht Übender, im Glauben an Vishnu, den Sonnengott, der barmherzige Krieger-König. Nach Anweisung seines Gurus trägt er Jatta. Der Lehrer gibt ihm Weisheit und Wissen. Wenn er stirbt, wird Ramchander Das seine Dreadlocks abschneiden, sowie auch die Finger- und Fußnägel. »Wenn ein Kind geboren wird, kommt das Haar.« sagt er.
Und Shital Das Per Vens, ein anderer Sadhu erklärt es noch etwas spezifischer: « Als ein Sadhu habe ich mein Leben Shiva gewidmet. Ich habe meine Familie seit meiner Wiedergeburt nicht gesehen und werde auch nie mehr zu ihnen zurück kehren. Ich habe mein vorheriges Leben aufgegeben. Ich habe keine Frau, keine Kinder. Jatta repräsentiert diesen Verzicht. Shiva ist der Gott der Zerstörung und der Gott der Schöpfung. Die Macht seiner Jatta kontrolliert die Göttin Ganga, inkarniert auf Erden als der Fluss Ganges. Die Energie dieses Flusses kommt von Shiva`s Jatta, und seine Energie fließt durch ganz Indien. Verstehst du, wenn du ein Richter bist, musst du eine schwarze Robe tragen, wenn du ein Schüler bist, eine Schulkrawatte. Wenn du Shiva nachfolgst, musst du die Uniform Shiva`s tragen: Jatta! Ein Sadhu verwendet sein Leben um Yoga zu praktizieren und sechzehn bis achtzehn Stunden am Tag zu meditieren. Ein richtiger Sadhu benutzt nichts künstliches für seinen Körper: Keine Seife, kein Shampoo, keine Kleider. Er kleidet sich mit Asche. Sein Haar wächst natürlich zu Jatta.«
Na, schon Parallelen entdeckt? Auch die Baye Fall aus Afrika, hauptsächlich aus dem Senegal tragen ihre Haare zu Locken verfilzt. Ein Baye Fall Ältester, Mamadou Diof Ndiange, erklärt, dass die Fulani im Senegal mit die ersten waren, die ihre Haare so wachsen ließen. Schäfer, die im Busch lebten, kümmerten sich noch nie ums Kämmen. Sie waren auch mit die ersten, die den Lehren Bambas folgten. Es sind afrikanische Moslems. In der Überlieferung streckte der Apostel Ibrahim Fall seine Hände dem Gesicht des Scheiches Amadou Bamba entgegen. Der spirituelle Führer schaute seinen Jünger an und spuckte ihm in die Handflächen. So gesegnet, strich Fall mit seinen Händen über seinen Kopf und schwor seine Haare nie mehr aufgrund dieser Gabe zu waschen.
Das entspricht den Baye Fall Roots und sie nennen die Dreads Ndiagne, was übersetzt soviel wie »starkes Haar« heißt. Zur Zeit der französisischen Kolonisation bekam der Scheich einen Brief vom Kommandeur, der sein Erscheinen anordnete. Amadou Bamba und alle anderen spirituellen muslimischen Führer gingen hin und bekamen Bescheid, der Gouverneur wolle allen Senegalesischen Religionen ein Ende bereiten. Alle die dem Folge leisteten wären frei, alle Anderen würden eingesperrt und umgebracht werden. Von 48 spirituellen Führern war Bamba der einzigste, der dem entgegen setzte:
Du bist niemand. Du bist ein Mensch wie ich. Diese Religionen existierten schon lange vor dir und ich werde meine nicht aufgeben!
Er wurde sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage eingesperrt, während der Gouverneur ihn oftmals versuchte umzubringen. Er hinterließ sieben Tonnen spiritueller Schriften. Sein Nachfolger Ibrahim Fall schnitt sich nie das Haar. Die Grundphilosophien ähneln sehr denen der Rastafarians.
Auch die Massai in Kenia tragen Filzlocken. Die Massai Männer fangen mit 14 an sich die Haare in dünne »Braids« zu flechten. Innerhalb der Krieger Klasse stellen die Haare einen Rang dar. Und wenn das erste Kind kommt, werden die Locken als Zeichen der Beendigung des Kriegerdienstes, abgeschnitten. So ist er im alter von 25 bei seinem Volk schon ein alter Mann.
In anderen Gegenden Indiens, zeigt die Matte, dass einer vom Geist berührt ist. Ein Mystiker oder Irrer. Ein Shamane oder Heiliger. Bei den Sikhs wird das lange Haar als harmonisches Leben mit Gott gesehen, während Haarschnitte nur aufzeigen, dass jemand Gottes Wille in Frage stellt. Die Sinhalesen aus Sri Lanka sehen die Dreadlocks als ein Schönheitsmerkmal. So wie es auch einige »afro-amerikanische« Leute gibt, die ihre Dreads als Style-Faktor sehen.
Die »African-American Dreadlock Liberation«, die sich aus vielen Charakteren (u.a. auch aus der Showbranche) bildet, setzen mit ihren Filzlocken ein Zeichen, dass sie sich dem europäischen Modediktat nicht mehr unterwerfen und ihre Haare bleichen oder glattmachen (letzteres: straightening, conking), sondern ihre eigene Identität wiederfinden wollen. Sie entwickeln so einen Gemeinschaftssinn, der den Stolz über ihre ethnische Herkunft wiederherstellt.
Auch in Europa gibt es heute solche Gemeinschaften. Die Europäer selbst, wie wir Deutschen, Österreicher oder Schweizer, tragen Dreadlocks aus unterschiedlichen Gründen. Die einen, um einen modischen »coolen« Trend mitzumachen, die anderen, weil sie gerne Reggae hören, oder sich der Rastafari Bewegung anschliessen, oder »linke« Punks, die statt Irokesenschnitt mit Dreadlocks gegen die Gesellschaft protestieren. Dann gibt es welche, die sich mit der Mystik und dem hierein fallenden Aspekt der Energie durch Haare beschäftigen, oder oder oder. Die Gründe eine verfilzte Matte zu tragen variieren von Individuum zu Individuum. Bei uns noch mehr, als in anderen Kulturen, da unsere Gesellschaft als erstes das Individuum und dann erst die Gemeinschaft sieht. Der kulturelle Aspekt ist so bei uns größtenteils in den Hintergrund getreten.
Die afrikanischen Kulturen sehen den Körper unter anderem als Ausdruck ihrer Lebensweise, ihres Standes, ihrer kriegerischen oder religiösen Einstellung. Sie drücken auch insgesamt ihre Gefühle stärker durch ihren Körper aus, als dies Asiaten oder Europäer tun. Ausnahmen sind überall die Regel.
Für die Yoruba, Akan und Mende repräsentiert der Kopf eine geistiges und körperliches Wohlbefinden. Andere Gemeinschaften sehen Leute mit ungekämmten, verfilzten oder zerzausten Haaren als Zauberer oder Hexen an, die mit der »Anderswelt«, mit dem Jenseits in Verbindung stehen. Die Ibo in Nigeria nennen die Dreadlockträger Dada, welche oft als Schamanen bezeichnet werden. Die mündliche Überlieferung erzählt von Auserwählten die mit vollem Haarwuchs zur Welt kommen. Eine ihrer Gottheiten, Uhammiri Ogbuide (Mamma Wasser, die Flussgottheit) wird mit dicken, gedrehten Locken dargestellt. Die Länge ihrer Haare symbolisiert ihre Fruchtbarkeit, während die gedrehten Locken an sich ihre Wildheit, die natürliche Schönheit und Unbezähmtheit bedeuten.
Zwei Orden, die hermetischen und die prophetischen der Bahatowie Priester tragen schon Hunderte von Jahren ihre Haare in Dreads. Die »meditative Sekte« hält sich in Höhlen um koptische Mönchtümer auf und ernährt sich von kärglichen Gaben ihrer Verehrer, während die prophetische Sekte die Landschaft bewandert und zu den Leuten predigt, die ihnen zuhören. Sie tragen Roben und juwelenbesetzte Amulette; Zepter mit den koptischen Kreuzen. Auch die Oromo, Amhara und Tigre von Äthiopien tragen aus traditionellen Stammesgründen Filzlocken.
Jedoch heißt Tradition nicht, dass etwas sinnvoll ist. Man sollte im Allgemeinen schon wissen, warum man etwas macht. Nur weil es schon immer so war? Nur weil der und der es auch machen? Nur weil man einer Gruppierung angehören möchte, deren Gebaren man »cool« findet? »It´s not a Dreadlocks ting, it´s a conception of the heart!« Das Thema könnten wir ab hier auch auf den Bartwuchs erweitern, der ebenso eine Rolle in vielen Kulturen spielt, aber das behalte ich mir bis auf unbestimmte Zeit vor. Blessings!















