Junior Melody? Ja, unter diesem Namen trat Bushman früher für das Black Star Line Soundsystem als Selector in Aktion. Jetzt, Jahre später hat er seine Solokarriere stark ausgebaut und die meisten kennen inzwischen seinen Namen. Warum? Weil Musik positv ist, weil die Message Bushmans positiv ist. Szenewechsel.
Das Konzert ist vorbei und ich bin wirklich durch. Bushman hat mich mit seinem Auftritt in die entferntesten Täler und Weiten der Musik entführt. Oftmals erwartet man selbst bei einem Konzert ein musikalisches Highlight. Definieren kann man das Wort »Highlight« jedoch erst nach einer bestimmten Zeit, wenn die eigenen Gedanken sich immer wieder mal um eben jenes Konzert drehen.
Nach seinem Auftritt begann mein persönlicher Wettlauf. Schnell hinter die Bühne. Die Security steht da und schützt den Bühnenbereich, lässt niemanden durch. Ich sage freundlich, dass ich mal eben kurz zu Bushman muss und bekomme nur gesagt: »Kein Zugang!« Doch mein Kopf lässt nicht locker, denn aufgeben ist nicht gefragt. Da steht er schon und ich werfe ihm die »Big ups« zu, als ob ich ihn schon Jahre kennen würde. Er kommt heran und zu meiner Überraschung gibt er der Security erstmal Saures. »Lasst den Burschen durch«, war noch einer der harmloseren Sätze. Als ich dann endlich mit ihm hinter der Bühne stehe scheint der Vibe verloren zu sein, denn die Musik ist so laut, dass sich da kein Mensch ernsthaft unterhalten könnte. So bleibt nur eines, raus mit der Wahrheit:
Bushman, ich habe keinen Spaß dir bei einem Masseninterview Fragen zu stellen. Mir drängen sich so viele Fragen auf, hast Du Lust am Seeufer etwas auszuruhen und mir in entspannter Atmosphäre ein paar Fragen zu beantworten?
Zu meiner Verwunderung verabschiedet er sich nur kurz von Teilen seiner Band und läuft auch schon los. Na, das ging doch schon ganz einfach. Als wir am Bühnenausgang rausgehen stehen da schon einige der Journalisten und Fotografen, die auf ihn warten. Alle werden abgewimmelt und wir machen uns zu zweit auf den Weg Richtung See. Bushman macht einen höflichen aber auch bestimmten Eindruck. Dann lassen wir uns endlich etwas abseits der Massen nieder und das Gespräch kann beginnen.
Floyd: Was denkst du gerade? (klassische Frage nützlich umfunktioniert)
Bushman: Im Moment bin ich hier sehr überwältigt. Gerade so kurz nach einem Auftritt gehen mir oft noch so einige Sachen über die einzelnen Lieder durch den Kopf. Ich sehe teilweise diejenigen Menschen vor mir, die verstanden haben was ich gesungen habe. Die in einem Moment der Ruhe während des Konzertes auch innegehalten haben, ebenso wie ich. Weißt du, ich bin nicht der Typ Mensch, der da rausgeht und die Masse unter Dauerfeuer nimmt. Für mich ist es wichtig, dass bei meinem Auftritt auch einzelne Ruheelemente und spirituellen Momente vorhanden sind. Manchmal bin ich sogar von einem Moment so ergriffen, dass mir kurzzeitig die Stimme zu versagen scheint. Doch das alles ist die Kraft des Einen. Wenn er mir die Stimme kurzfristig nimmt, dann sollte ich auch innehalten und kurz meditieren können. Auch während einem Konzert.
Rastafari! Dann stehst Du da und holst mich direkt zu einem Interview ab, das nicht in einem Betonmeer geführt wird, sondern hier direkt in der Natur, an einem See. Mal ehrlich, den meisten ist doch völlig egal, wo ein Interview zustande kommt, die Hauptsache ist, sie können ihre Fragen stellen. Das ist ok, denn oftmals kann man den Ort nicht wählen. Doch sollten einige auch verstehen, dass ich, Bushman, nicht in jeder Umgebung ein offenes Gespräch führen kann. In einem leeren Raum mit weißen Wänden fühle ich mich nicht sonderlich wohl.
Floyd: Das geht nicht nur Dir so, denn auch ich kann oftmals nicht den richtigen Vibe aufbauen, wenn die Umgebung nicht stimmt.
Bushman: Wenn man wirklich ehrlich zu sich selbst ist, sollte man jeden Menschen respektieren wie sich selbst. Doch in einigen Interviews spürt man einfach, dass man keinen Draht zu der anderen Person hat. Man sieht nichts, was einen verbindet. Was ist denn in Wahrheit ein Interview? Ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Die Wahrheit kann doch nicht sein, dass jeden die gleichen Fragen interessieren. Doch manchmal fühle ich mich so. Diese immer wiederkehrenden Fragen nach der Herkunft meines Namens zum Beispiel… (lacht)
Floyd: Stimmt denn die Antwort darauf?
Bushman (jetzt laut weglachend): Ja man, klar stimmt die Antwort, aber wie bist du denn drauf? Rastafari! Ich lach mich kaputt. Genau das meinte ich vorher. Journalisten kommen zwar meist mit einer Ausstattung daher, wo mir die Augen rausfallen, aber die Qualität der Recherchearbeit, falls überhaupt vorhanden, ist oftmals nicht so gut. Klar ist auch die Presse wichtig für mich und meinen Erfolg, aber wenn ich zum hundertsten Mal die Frage nach der Herkunft meines Namens beantworten soll, frage ich mich, wie sich die Menschen auf Interviews vorbereiten. Die Antwort auf diese Frage kann man wirklich überall nachlesen. Wieder einmal zeigt sich, dass man für ein gutes Interview nicht zwingend die volle Ausstattung an Geräten benötigt, sondern vielmehr einen wachen Geist.
Floyd: Da hast Du mich direkt erwischt, ich habe nicht mal ein Aufnahmegerät, aber vorbereitet bin ich auch nicht. Doch ich sehe das auch nicht als Interview, sondern eher als Unterhaltung an. Also, lass doch mal was von Israel hören. Wem gehört jetzt Israel?
Bushman: Wenn ich das ganze Thema aus biblischer Sicht betrachte, dann wurde das Land den Israeliten gegeben. »Geht und folgt«, und sie gingen sieben Mal um die Mauer von Jericho (Anm: Buch Josua – Kapitel 6) Und er sagte »Geht nach Jericho und ermordet alle und nehmt weder ihr Silber noch ihr Gold.« Richtig? Ja, und wenn man zurückgeht zu Joshua und King Solomon, dann waren all diese Gottesmänner Männer des Krieges. Ich lese die wirkliche Bibel nicht, denn sie wurde von »Kinky James« übersetzt. Rastafari lehrt uns aber, dass nichts hinzugefügt oder weggelassen werden soll. Ich habe die Bibel gelesen, doch sie widerspricht sich oft und in ganz vielen Punkten. Folglich müssen Teile aus der Bibel entfernt worden sein. Momentan sind in der Bibel nur 5 Bücher Moses, doch in Wahrheit gibt es sieben Bücher.
Da gibt es ganz viele Sachen, die uns vorenthalten werden, doch wir gehen weiter, denn ich weiß, dass sich alles durch Visionen in uns manifestieren wird. Was im Dunkeln liegt muss ans Licht kommen. Rastafari! Das alles ist eine Lebensart. Kein Mann, keine Frau, kein Junge oder Mädchen, sondern eine Lebensart. Am Anfang war das Wort. Wenn Du dich also mit Wörtern fütterst und danach lebst, dann manifestieren sich diese Worte in deinen Taten. Wenn sich also die Worte des Allmächtigen in dir persönlich manifestiert haben, dann bist du automatisch der personifizierte Allmächtige, weil er sich in dir festgesetzt hat. Deine eigene Weisheit entsteht durch die Meditation.
Floyd: Was hältst du von dieser ganzen Unitysache, die im Reggae abläuft? Denn trotz allem sehen sich viele Menschen immer noch getrennt. Schwarz von Weiß, Groß von Klein, Dick von Dünn, etc.
Bushman: Also egal wo ich auf der Welt umherlaufe. Oftmals fühle ich mich immer noch zurückgewiesen. In meinen Augen ist England in Bezug auf unterschiedliche Rassen das vorurteilsbehaftetste Land überhaupt, und das Schlimme daran ist, sie lösen es »diplomatisch«. Aber Rastafari weiß, dass gut und schlecht in allen Elementen steckt. Du musst sie nur zu erkennnen wissen. Auf Jamaika zum Beispiel werden sehr oft hellere Kinder in der gleichen Familie bevorzugt behandelt. Doch Ursache dafür ist immer noch das Willie Lynch Syndrom, unter dem die Menschen heute noch leiden. (siehe revolution Artikel »Willie Lynch Syndrom und moderne Sklaverei«)
Rastafari wird uns aber befreien, denn die Erlösung wird kommen. Ich persönlich finde es mehr als armselig in einer Welt, die doch angeblich so hochtechnologisiert ist, solch billigen Vorurteilen zu begegnen. Mein Motto, sowohl im Leben als auch musikalisch ist: »Behandle und liebe deinen Nachbarn, wie du dich selbst behandeln und lieben würdest.« Wenn man so lebt, das wünscht man seinem Nachbarn das, was man sich selbst wünscht. Ich möchte nicht, dass irgendjemand meine Frau belästigt, also sollte ich auch nicht seine belästigen. Ich liebe und respektiere mich selbst, also liebe und respektiere ich auch meinen Nachbarn. Rastafari.
Floyd: Hört sich konsequent an. Doch kommt man nicht immer wieder in Situationen, in denen man auf die Probe gestellt wird? Nehmen wir das Thema Ernährung. Rastafari lehrt auch kein totes Fleisch zu essen. Du hast ja auch ein Lied »Fire pon a deadas« über gesunde Ernährung geschrieben. Wie kam es dazu?
Bushman: Das Lied entstand schon vor langer Zeit aus einer meiner Meditationen. Doch zu dieser Zeit habe auch ich noch Fleisch gegessen, Hühnchen und auch Fisch. Folglich konnte ich dieses Lied eine ganze Zeit lang nicht singen, denn wenn ich etwas singe, dann nur das, was ich auch lebe. Wie könnte ich eine Message auf rechtschaffene Art und Weise verbreiten, wenn ich nicht einmal selbst danach lebe? Als ich dann irgendwann aufgehört habe tote Körper zu essen, konnte ich auch voller Überzeugungskraft dieses Lied und seine Botschaft verbreiten. Denn die Wahrheit ist, dass sich die Ernährung sofort auf den Geist auswirkt. Als ich aufhörte Fleisch zu essen, kam ziemlich schnell eine ganze Menge Energie in mir hoch. Folglich steht die Ernährung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem eigenen Wohlbefinden, mit der eigenen Lebensenergie. Fleischlose Ernährung bedeutet für mich auch das Risiko von Krebs, Diabetes und anderen Krankheiten zu verringern.
Floyd: Hinter den Texten deiner Lieder vermuten viele eine gute Schulausbildung. Wie steht es damit? Wie war deine Kindheit, wie bist du erzogen worden?
Bushman: Schule? Als 1998 der Hurricane Hilbert ganz Jamaika fast dem Erdboden gleich machte, verließ ich die Secondary School nach der zehnten Klasse. Doch das war nur der Endpunkt einer schon lange vorher beginnenden Phase meines Lebens. Was ist Erziehung? Was ist Lehre? Wenn ich auf der Strasse unterwegs bin, dann lerne ich wirklich etwas. Denn da finde ich mehrere Meinungen. Bei Unterhaltungen erzählt jeder von seinen eigenen Erlebnissen und seinen eigenen Erfahrungen. Ein breites Spektrum wird sichtbar. Die Wahrheit finde ich zwar weiterhin in mir selbst, jedoch bringen einen andere Menschen oft zum Nachdenken. Als ich in der Schule war habe ich mich oft gefragt, was das für eine Art von Lehre sein soll. Ein Lehrer erzählt dir seine Sicht der Dinge, seine Meinung. Doch andere Meinungen und Ansichten wurden nicht geduldet.
Also wurde nicht mal annähernd eine universelle Meinung versucht zu vermitteln, sondern lediglich das Denken eines Menschen. Ich glaube nicht daran, dass ein einzelner Mensch alles wissen kann. Wenn ich noch weiter zurückblicke, dann sehe ich meine eigene Erziehung, die im katholischen Glauben verlief. Jamaika hat wohl weltweit die größte Kirchendichte im Verhältnis zur Größe der Insel. So war es fast mehr als logisch, dass auch ich damals in die Kirche ging und später dann auch im Kirchenchor mit dem Singen begonnen habe.
Doch wenn ich zurückblicke fühle ich, dass ich Rastafari schon immer in mir trug. Wenn man die ursprüngliche katholische Lehre als Beispiel heranzieht, so hat diese mit Rastafari sehr viel gemeinsam. Doch nach und nach änderte sich das Bild des katholischen Glaubens und viele Verbrechen gehen auf die Kappe dieser »Religion«, z.B. Das Verbrennen von bestimmten Büchern, die für ein umfassendes Verständnis einer Lehre unabdingbar sind. Die Wahrheit ist aber, dass auch Katholiken die 10 Gebote kennen, doch die wenigsten danach leben. Doch nie, nie sollte man alles verallgemeinern und in einen Topf werfen. Am Ende steht der Mensch, egal welchen Glaubens, und nicht die Religion. Wer aber wirklich versucht nach den Gesetzen des Allmächtigen zu leben, der versteht sich auch religionsübergreifend, denn dann ist jedem bewusst, dass der Glaube und die Religion die Menschen vereint und nicht trennt.
Floyd: Inzwischen werden ja schon wieder Gerüchte laut, dass Amerika erneut einiges gegen den Irak unternehmen wird, obwohl noch nicht mal in Afghanistan wirklich etwas erreicht wurde ausser Zerstörung. Was denkst du, stehen wir vor einer neuen Weltherrschaft, die Amerika bald als Alleinherrscher der Welt erscheinen lässt?
Bushman: Fire pon America! Ich habe mir die Sache wirklich lange angeschaut und mir meine Gedanken gemacht. Da wird die Welt von einer angeblichen Grossmacht zerstört, deren Regierung die Probleme im eigenen Land mit Krieg kaschieren möchte. Aber klar ist, dass diese Menschen eines Tages ebenso vor einem Gericht stehen werden. Nur nicht vor dem weltlichen. Das wird um so schwerer wiegen. Schau doch selbst nach Afghanistan. Wie sieht es dort im Moment aus. Alles wurde zerstört, dem Erdboden gleich gemacht, Jah´s Schöpfung wurde mit Bomben und Gewehren zerstört.
Und jetzt? Die Menschen leben in noch grösserer Armut als vorher, doch dafür gibt es andere Länder, die für den Aufbau stehen sollen. Amerika zerstört, steckt all sein Geld in destruktive Taten, den Aufbau sollen andere finanzieren. Warum? Zerstörst du dein eigenes Haus, baut es dann dein Nachbar wieder auf? Mit dem Irak wird es nicht viel anders laufen. Warte ab, momentan liest du in den Medien noch nicht viel von möglichen Vergeltungsschlägen, doch die Zeit ist nicht mehr fern. Blicken wir nur ein paar Jahre zurück zum ersten Irak Krieg. Warum wurde dieser Krieg damals geführt? Die Antwort soll jedem selbst überlassen bleiben, doch offensichtlich waren das damals nur vorgeschobene Gründe. Warum sollte man sonst nur ein paar Jahre später erneut das gleiche Land wieder zerstören?
Für mich persönlich liegt die Sache offen. Ein Land, nein, eine ganze Region soll dauerhaft und immerwährend klein gehalten werden. Amerika wird keine Region der Welt dauerhaft befreien können, denn das können nur die Einwohner der jeweiligen Gegend. Ebenso kann bei einem Wiederaufbau nur der Wissende eine Veränderung einleiten und nicht die Besatzungsmacht. Schau dir Jamaika an, das lange eine englische Kolonie war. Alle werden ganz einfach auf Rechnung einer westlichen Macht kurz gehalten, damit sie ja nicht ihr eigenes Leben in die eigene Hand nehmen können. Länder und Nationen werden ausgebeutet, zerbombt und dann mit finanziellen Mitteln wieder in eigenem Interesse und auf eigenen Profit aufgebaut. Danach sprechen eben jene zerstörerischen Mächte von Entwicklungsländern, die ohne ihr Handeln sicherlich keine wären. Seht ihr nicht, wie widersprüchlich das alles ist? Krieg ist einfach nur das Werk des Bösen.
Floyd: Danke für die Zeit und die ehrlichen Worte.
Bushman: Kein Problem. Gerne wieder und für Euch alle da draussen: öffnet eure Augen und ihr werdet erkennen.















