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Sebastian Sturm - this change is nice


Sebastian Sturm - this change is nice - reggae magazin revolutionDiese Veränderung kann nur gut gewesen sein. Ehrlich. Das Päckchen von rootdown promotions liegt in meinem Briefkasten. Wie ein kleines Kind freuend renne ich die Treppen hoch und werfe die Anlage an. Im Paket: Sebastian Sturm´s Album »this change is nice«. CD Fach auf und wieder zu. Wieso dauert das alles so lange? Ich bin gespannt.

Tschak, das erste Lied erklingt. Sehr schöner entspannter Roots schallt mir aus den Boxen entgegen. Ich liege auf dem Boden und schaue mir das Cover an. Am Bild hinter der CD bleibe ich hängen. Das erinnert mich an was. Ach ja, da war es. Mütze, Hemd… In der gebundenen Ausgabe des Buches Bob Marley – Songs of Freedom (ISBN 3-453-08705-4) von Adrian Boot und Chris Salewicz werde ich fündig. Zak, Seite 181/182 aufgeschlagen. Da sitzt der Bob mit ähnlichem Outfit.

Nachdem die CD zum dritten Mal hintereinander gelaufen ist beschliesse ich Marius von rootdown records anzumailen, ob ein Telefoninterview mit Sebastian möglich ist.

Freitag, 15.09. um 19.30 Uhr lautet die Antwort. Vielen Dank für diesen unkomplizierten Termin.

Freitag – 19.30 Uhr
Time to connect. Nummer gewählt und am anderen Ende der Leitung begrüsst mich »Sebastian«http://www.sebastian-sturm.com. Wir stellen uns kurz gegenseitig vor und tzak schon geht´s los.

»Mit 14 Jahren habe ich mit Musik angefangen, Gitarre zu spielen«, klärt mich Sebastian auf. Damals war ich noch in Richtung Punk unterwegs, aber schon sehr früh war ich ein Fan von Punkbands, bei denen Reggae,- oder Skaelemente mit eingebaut waren. Das erste Reggae Stück, was mir dann so richtig gut gefallen hat war dann Mellow Mood von Bob Marley, vor allem aufgrund der guten Background Vocals Rafinesse.

Sebastian Sturm  - reggae magazin revolutionDaraufhin fing ich mit einem guten Freund an Akkustik 4 Spur Aufnahmen zu produzieren. So schlecht die Aufnahmen auch eingespielt und produziert gewesen sein mögen, so habe ich doch gemerkt, dass meine Stimme dieses »Insulanerfeeling« mit sich bringt, dass man für guten Roots Reggae braucht. Folglich war der Weg klar, Jogit Beat (Anm: bitte im Suchfeld auf der Seite »Jogit Beat« eingeben, dann kommt ihr zum Interview:-)) wurde gegründet. Das war meine Heranführung an Reggae. Nach 3-4 Jahren Reggae und Ska lösten sich »Jogit Beat« auf.

Nach der Auflösung von »Jogit Beat« im Jahre 2004 war für mich muikalisch monatelang erstmal eine Pause nötig. Die Zusammenarbeit mit Jin Jin war dann die logische Konsequenz. Schliesslich ist Jin Jin die einzige Reggaeband in Aachen, die konstant bestehen bleibt. Zu dieser Zeit suchten sie nach einem geeigneten Frontmann für ihre Band.

Auf Anhieb lief alles wunderbar und ich kann jetzt endlich als wirklicher Frontmann agieren. Mikro in die Hand nehmen und abgehen. Das Publikum wirklich unterhalten und eine Beziehung zu diesem aufbauen.

Themawechsel
»Sebastian, beruhen die Inhalte deiner Lieder auf eigenen Erfahrungen. In »Tell them the truth« oder auch in »This change is nice« wirken die Texte sehr persönlich. Oder verarbeitest du auch sehr viel aus deinem Umfeld in deiner Musik. Eben all das, was dir tagtäglich passiert?«

»Tell them the truth« ist ganz klar ein Rebel Song, kommt mir aus dem Hörer entgegen. »Leute, lasst Euch keinen Mist erzählen von denen, die es selbst auch nicht besser wissen. Natürlich denke ich dabei auch an die Kinder, die sich leicht von Lügen jeglicher Art beeinflussen lassen. Bewusst habe ich den Fingerzeig auf eine bestimmte Gruppe in diesem Lied aussen vor gelassen. Dadurch gibt es keine wirklichen Feindbilder, sondern es sind eben die, die anderen. Das lässt jedem von uns mehr Identifikationsfreiheit, frei nach dem Motto: meine Feinde müssen noch lange nicht deine Feinde sein und umgekeht. Ich möchte den Hörern diese Freiheit geben. Jeder kann für sich selbst abstrahieren und entscheiden. Meine Musik soll lediglich den Denkanstoss dazu liefern.

Mein persönlicher Favorit auf dem Album ist »No need to be sad«, das erst sehr spät aufgenommen wurde. Hier geht´s um den furchtbaren Winter hier, Menschen buddeln sich ein, viele verfallen in Depressionen. Dinge, die normalerweise zur Erheiterung dienen und im Sommer echte Highlights sind werden missbraucht und ziehen dich auf einmal runter. Der Song ist fürs gemütliche Wohnzimmer und berechtigt endlich mal zu ein wenig Selbstmitleid und Melancholie.

Konkrete Pläne für die Zukunft gibt es noch nicht. Aber es ist für mich das erste Mal, dass ein Album schon vor der Veröffentlichung sehr stark promotet wird, Artikel in anderen Magazinen (riddim, etc.) erscheinen. Früher haben wir versucht die Promotion über Live Konzerte abzudecken. Wo soll´s noch hingehen? Persönlich möchte ich natürlich sehr viel live spielen und weiterhin den Menschen schönen Roots Reggae schenken. Ich glaube, dass das den Leuten gerade momentan auch so ein bisschen fehlt. Guter Roots. Dass alles nochmal so ein bisschen klingt wie in den 70er Jahren. Dies ist mir bei den Instrumenten genauso wichtig.

Sebastian Sturm  - reggae magazin revolutionIch möchte keinen Plastik Sound produzieren.
Ein Schlagzeug wird auch fürs Album mit einem echten Schlagzeug eingespielt, der Sound einer Hammond Orgel muss auch von einer Hammond Orgel kommen.«

Dafür schätze ich Sebastian sehr. Viele werden es schon an der Schreibe merken, dass mein persönlicher Background der Roots ist. Mit Dancehall kann ich jetzt persönlich nicht so viel anfangen, und das ist nicht wertend gemeint. Live eingespielte Instrumente überzeugen mich definitiv mehr. Spätestens bei den Live Auftritten wird man den Unterschied deutlich spüren. Wir kratzen jetzt am Dancehall Thema und ich erzähle kurz meine Einschätzung, die Sebastians Zustimmung findet. Wer Roots hört, umgibt sich definitiv mit positiven Vibes. Viele Themen, die hauptsächlich in der Dancehall »Thema« sind, wie das altbekannte »Homophobie« Thema wird man im Roots nicht finden. Reggae sollte die Botschaft transportieren: »Liebe, Einheit, Gemeinschaft, Toleranz, etc.«

»Ich will auf keinen Fall den Dancehall anprangern, das ist eine Entwicklung, die für sich steht«, erzählt mir Sebastian. »Letztendlich merke ich gerade in diesem Sommer bei den Festivals: der Roots ist das, was die Menschen am meisten kickt. Alle erwarten von den »alten Helden« aus den Siebzigern, die immer noch ihre Hits spielen, die grosse Show. Das beste ist, dass sich genau das immer wieder bestätigt. Ich habe mittlerweile das Gefühl die »Opas« bringen es auf der Bühne wesentlich mehr als die jungen Leute.«

Wichtig ist jedoch, dass die Botschaft des Roots auch von den jungen Musikern weitergetragen wird, da das diesseitige Leben begrenzt ist. In den letzten Monaten haben wir als Reggae Gemeinde viele schmerzvolle Verluste erleiden müssen (z.B. Joseph Hill). In Anbetracht dieses Umstandes wird es Zeit, dass die »Jungen« die Botschaft weitertragen, verantwortungsbewusst und ausdrucksstark.

Unterbrechung am Telefon. »Culture habe ich gerade eben noch gehört«, wirft Sebastian ein. »Joseph Hill zählt zu meinen Vorbildern. An erster Stelle natürlich ausser Konkurrenz Bob Marley & The Wailers, dicht gefolgt von Burning Spear und natürlich Culture. Aber worauf ich zur Zeit gerade richtig abfahre sind The Gladiators. Ich bin erst sehr spät auf das Album Dreadlocks the time is now gekommen (Anm: das Album ist von 1983 und der Überhit). Das läuft bei mir gerade den ganzen Tag rauf und runter.«

Jau, werfe ich ein. Genau das Ding. Gladiators, definitiv essentiell. Sebastian, du hattest mit deinem Album schon ungewollte Vorhelfer bei mir. Aus dem Jahre 2002. Damals bekam ich eine CD zugeschickt. »Hebron Gate« von Groundation. Deine Stimme klingt aus meiner Sicht sehr stark in diese Richtung. »Eiaeiaei«, dröhnt es aus dem Hörer. »Das ist mal eine Erscheinung auf jeden Fall. Groundation ist definitiv sehr gut.«

Wie sieht es in nächster Zeit bei dir und Jin Jin mit Auftritten aus? Eher auf Festivals oder in kleineren Clubs? »Nächste Woche (Anm: inzwischen diese Woche) treten wir am Reeperbahn Festival in Hamburg auf. Das sind zwei Tage (21.-23. September). Einmal als Vorband von Arrested Development und Patrice, zwei Tage später dann im »Mandarin Casino«. Allerdings ist das Album ja auch erst im Frühjahr finalisiert worden und das war dann für die Festivals meist schon zu spät.

Ich bin überzeugt davon, dass wir gut akommen werden. Das mit dem Live Spielen auf der Bühne ist halt gerade noch in der Erprobungsphase. Bei den Proben verstehen wir uns auf jeden Fall bestens. Wichtig ist eben das Feeling und die Atmosphäre bei Live Konzerten rüberzubringen. Daran müssen wir auf jeden Fall noch arbeiten.«

Beschäftigst du dich auch mit den Hintergründen zu Reggae und Rasta? »Klar, logisch habe ich schon viel gelesen, aber der eigentliche Auslöser war der Film Rockers). Hammer Film mit wirklich sehr genialer Musik.« Und wie sieht es mit einer Jamaica Connection aus? »Na ja, vielleicht werden wir mal einen Riddim nach Jamaika schicken, den dann ein paar Artists vor Ort voicen werden. Ich selbst war allerdings noch nie auf Jamaika. Mein Bild von der Insel ist »Rockers« geprägt. Wahrscheinlich werde ich das eben nicht mehr so vorfinden, gerade weil sich natürlich die Musik verändert hat. Im Moment weiss ich nicht, ob ich da überhaupt hin möchte, denn vielleicht würde es dann ein Bild in meinem Kopf zerstören.«

Muss man auf Jamaika gewesen sein, um Roots Musik zu machen, schiesst es mir durch den Kopf. Haben wir nicht selbst im eigenen Land ebenso viele Probleme, die einfach nur anders gelagert sind, als die in Jamaika? Ist Reggae nicht das Transportmittel, um kritische Fragen und Probleme zu äussern? Tzak, die Frage stell ich noch.

»Ja klar, zum Besipiel im Lied »Soldier Man« von der CD. Dies ist ein Anti-Kriegs Lied. Da geht es um den zweiten Weltkrieg. Das ist vielleicht mal was Neues. Wo die Jamaikaner in ihren Liedern vielleicht von der Sklaverei oder ähnlichen Themen singen, so können wir hier z.B. von Kriegen, etc. singen. Ich meine Deutschland hat jetzt auch nicht gerade eine tolle Geschichte wenn man zurückdenkt. Man hat diese selbst nicht mitbekommen, aber man kann ja nachfragen, wer in der jetzigen Generation noch etwas weiss. Von der Geschichte.

Natürlich geht es auch um Zusammenhalt untereinander. Hierfür ist »Reggae makes the youths free« gedacht. In diesem Lied geht es um den Zusammenhalt, um die Kraft die eine Gemeinschaft, auch die verschiedener Gruppen, hat. Egal ob Hip Hopper, Metal Freak, oder sonst wer. Wenn es dann ums Demonstrieren geht, dann heisst es sich Zusammenschliessen. In diesem Lied geht es darum, dass Reggae doch der optimale Hintergrund und Kompromiss für eine Freiheitshymne wäre, wenn man zusammen auf die Strasse geht. »Reggae makes the youths free«.

Das ist ein Ding. Ich stelle mir vor, wie abertausende von Menschen zu einer Reggae Freiheitshymne durch die Strassen ziehen. Was wäre das für ein Bild? Ein friedliches Volk zieht friedlich durch die Strassen, bewacht von der friedlichen Polizei. Wie oft steht jeder von uns vor seinem persönlichen Wendepunkt? Man hinterfragt den Druck, den die Gesellschaft an jeden von uns stellt. Ist man reich glücklicher als arm oder umgekehrt? Wer hat nicht schon mal in einer Döner Bude gearbeitet (obwohl er kein Fleisch isst), um ein paar Münzen für ein Brot zu bekommen?

«Über Geldprobleme könnte ich auch ganze Opern schreiben«, vernehme ich aus dem Hörer. »Das sind einfach Entscheidungen, die man zu treffen hat. Nimm das Lied »Time to say No«. Ich finde es ist extrem wichtig und ich würde es gut finden, wenn die Menschen häufiger mal »Nein« sagen würden. Ich glaube sie würden dann besser mit ihrem Leben klarkommen. Das ein oder andere mal »Nein« sagen und nicht mitziehen, auch wenn ihnen eine Hand gereicht wird. Nicht gleich zugreifen, sondern erstmal hinterfragen, wohin man greift.«

Das war ein wunderbares Interview. Ich hoffe jeder von euch hat auch einen kleinen Einblick in den Menschen Sebastian Sturm bekommen. Die Musik ist auf jeden Fall genial. Die CD »This change is nice« wird es dann ab Ende September geben. Bestellen kann man diese direkt bei rootdown music

Vielen Dank für das Interview und möge Jah die Roots Fraktion weiterhin so erfolgreich verstärken.

Sebastian Sturm - this change is nice cover - reggae magazin revolution

Playlist »This change is nice«:
01. BACK AMONG THE LIVING
02. WITHOUT A TRACE
03. TELL THEM THE TRUTH
04. REGGAE MAKES THE YOUTH FREE
05. NO NEED TO BE SAD
06. I JUST WANT YOU
07. GOOD LIFE
08. TIME TO SAY NO
09. SOCIAL LIVING
10. TIME
11. SOLDIERMAN
12. THIS CHANGE IS NICE

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6 Kommentare bisher ( Kommentar schreiben )

  1. 1

    Steffi meint dazu am

    20.09.2006 um 23:04 h


    Mensch, das ist ja eine Sache. Gefällt mir sehr gut. Ich kannte Sebastian Sturm bisher noch gar nicht. Der Bericht ist sehr schön geworden. Jetzt kann ich mir auch ein Bild davon machen. Wirkt menschlich und musikalisch sehr positiv. Die CD werde ich mir dann wohl gönnen:-) Sehr nicer Roots.

    Itection Steffi

  2. 2

    Henna meint dazu am

    21.09.2006 um 9:20 h


    Auf Reggae-Town gibt es ein weiteres Review zu Sebastian Sturm’s neuem Album zu lesen: http://www.reggae-town.de/module-pnForum-viewtopic-topic-2034.html

    bless you

  3. 3

    Floyd meint dazu am

    21.09.2006 um 12:24 h


    Hallo Henna,
    danke für den hinweis mit dem review auf reggae town. da sieht man wieder einmal wie unterschiedlich geschmäcker sein können. also mein absoluter favorit auf diesem album ist »tell the the truth«. schön, dass wir uns austauschen können und den lesern weitere quellen zu bestimmten artikeln liefern können. solange die komentare keine eindeutige werbung enthalten und in keinerlei zusammenhang mit dem inhalt stehen, ist in kommentaren »fast« alles erlaubt:-)

    jah bless floyd

  4. 4

    bob's blog meint dazu am

    29.12.2006 um 2:33 h


    CD-Review: Sebastian Sturm – This Change Is Nice…

    Gab lange Zeit kein Review mehr, deswegen stell ich euch jetzt eine Platte vor, die schon seit 2 Monaten in meinem Besitz ist: This Change Is Nice vom Reggae Newcomer des Jahres Sebastian Sturm, der es auch auf Platz 1 meiner Top-Reggae-Liste geschafft…

  5. 5

    Rosemary meint dazu am

    21.03.2007 um 23:11 h


    Ein sehr charismatischer Typ und Sänger!Habe ihn im Februar in Wuppertal gesehen und gehört!

  6. 6

    Fereshte M. meint dazu am

    31.08.2007 um 2:46 h


    Endlich mal einer, der kein Blatt vor dem Mund nimmt und den Spiegel unserer Seelen vor uns hält. Kannte Sebastian Sturm nicht, bis mich mein Engel Julian C. auf seine Songs aufmerksam gemacht hat. Hab mir das genauer angeschaut und kann echt nur sagen – RESPEKT !!!! – Der Typ ist klasse, genau so wie seine Musik. Die meisten Musiker scheinen auf dem Mund gefallen zu sein und schreiben irgendein scheiß Reim das in den Köpfen der Jugend zu kleben scheint wie ein Keim. Wir brauchen noch mehr Musiker wie Sebastian Sturm.

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