Ok, ich geb´s zu. Ich war schonmal einer von »denen«. Geächtet, belächelt, verspottet. Schonmal dabei. Jetzt wieder. Doch diesmal war alles ganz anders. Ich habe mich bewusst dazu entschieden. Befinde mich im Schaffensumbruch. Seitdem ich arbeitslos bin erlebe ich viel mehr als bisher. Vor allem bewusster. Meine eigenes Zeitmanagment läuft auf Hochtouren. Prima. In mir sträubt sich nichts mehr, wenn mir mein Nachbar auch mal mehr als 5 Minuten eine Geschichte erzählen möchte.
Der Druck, dass alles nach Sekunden berechnet wird liegt hinter mir. Ich habe jetzt Zeit für meine Mitmenschen. Habe schon einen Überfall auf eine Frau miterlebt, der ihr Handy geklaut werden sollte. SOLLTE! Denn noch bevor ich die Situation genau erfassen konnte, sass schon ein fülliger, nett grinsender Mann auf dem Dieb. Eben dieser hatte bestimmt auch wenig Zeit, musste sich diese dennoch nehmen. Geschätzte 140 kg sind ein gewichtiges Argument.
Doch nun zurück zu meiner Situation. Als ordentlicher Bürger besuche ich direkt nach meiner selbst in die Hand genommenen Kündigung die Seite der Bundesagentur für Arbeit. Möchte nur die Adresse meines für mich zuständigen Amtes in Erfahrung bringen. Stimmt, ich wohne in Fürth, Bayern. Folgende Seite der Bundesagentur für Arbeit impliziert, dass für Fürth keine eigene »Zweigstelle« existiert. das kann nicht sein, oder? Telefonauskunft. Das bringt Erfolg. Termin ausgemacht und schwupps, einen Tag später blicke ich schon in ein Fürther Augenpaar, das meiner neuen Pflegerin gehört. Ich versuche zu erforschen, was sie im Schilde führt, mit mir vorhat. Doch dazu kommt es nicht mehr. Sie gibt mir einen Stapel voller Anträge, Begründungsformulare, etc. mit nach Hause und wünscht mir noch einen schönen Tag. Super, das ging schnell!
Zu Hause muss ich mir zuerst einen Überblick verschaffen. Ich informiere mich mit wem ich es zu tun habe. Was ist die Aufgabe meiner Arbeitsberaterin? Auf der Seite über Arbeitsberatung werde ich fündig. Dort steht unter anderem:
1. konkrete berufliche Präferenzen zu erarbeiten,
2. tragfähige Handlungsperspektiven und – strategien zu entwerfen,
3. sachgerechte Entscheidungskriterien zu entwickeln,
4. den Informationstand zu verbessern und
5. die Realisierung beruflicher Vorstellungen zu unterstützen.
Das hört sich toll an. Man will mir wirklich helfen! Weitere Audio Dateien der BA, wie z.B. diese hier über die erste Befragung zur Kundenzufriedenheit versetzen mich nicht in Euphorie, lassen aber Hoffnung in mir keimen.
Alle Formulare vor mir durchsehend, bleibe ich an meinem zum Star auserkorenen Formblatt hängen: Gründe für Ihre Kündigung steht da. Soll ich da jetzt wirklich die Wahrheit schreiben? Gar betrügen? Nein, nein, so einer bin ich nicht. Wie kann mir meine Arbeitsberaterin helfen, wenn ich sie belüge? Ich entschliesse mich wahrheitsgemäss zu antworten. Das Resultat:
Liebe Frau Arbeitsberaterin. Ich leide. Leide unter den Umständen, leide an der mangelnden Zeit, merke wie mich die Welt um mich herum auffressen möchte. Mein bisheriges Schaffen zeigte mir, dass ich mich beruflich verändern muss. Den ganzen Tag am Computer sitzen, das möchte ich nicht mehr. Um Ihrer Gegenfrage direkt entgegenzuwirken: ich weiss noch nicht genau wohin meine berufliche Zukunft gehen soll. Könnte sein, dass ich Schweissen möchte, könnte aber auch sein, dass Entwicklungshelfer in Afrika meine Berufung sein könnte. Ich brauche etwas Zeit.
Freudestrahlend nehme ich meinen zweiten Termin wahr. Denn ich gehe in dem Bewußtsein eines reinen Herzens. Das Date mit meiner persönlichen Betreuerin verläuft ähnlich seltsam wie das erste. Sie fragt mich was ich bisher gemacht habe. Wie viele Kriterien ich von Ihrer vorgefertigten Liste erfülle schreibt sie penibel genau mit. »Grafik« – ja. »Online« – ja, etc… Ab da habe ich kein gutes Gefühl mehr. Sie fragt eine Tätigkeitsliste ab, keine Eigenschaftsliste. Das wäre doch für einen zukünftigen Arbeitgeber (den ich bis zu einer persönlichen Entscheidung ja nicht möchte – siehe Argumente oben) bestimmt ebenfalls relevant. Bin ich eine Schlaftablette, oder ein Duracell Männchen? Bin ich motiviert oder demotiviert, konstruktiv, destruktiv, ... Sie nennt mir den nächsten Termin, diesmal in einem anderen Zimmer. Dort soll ich dann endlich meine Formulare abgeben dürfen. Hätte ich ihr die Formulare aushändigen dürfen, dann wäre sie wohl bei ihrer Punkteliste ganz schön ins Schleudern gekommen.
Das Telefon klingelt. Guten Tag Herr …, ich hätte hier eine interessante Halbtagsstelle für Sie. Wenden Sie sich bitte an folgende Kontaktadresse. »Moment, können Sie mir bitte noch die Internetadresse des Unternehmens geben, damit ich mich vorher über das Unternehmen informieren kann?«, lautete meine Frage. »Gerne, info@....«.
HAALLLTTTT!
»Entschuldigen Sie bitte, ich hätte gerne die Internetadresse der Firma. Sehen Sie in Ihren Unterlagen so etwas mit www.? Was hinter dem Punkt steht würde mich sehr interessieren.« Ja, das ist dann www.namederfirma.de. Vielen Dank. Ebenso. An einem Computer gebe ich diese Adresse ein und was sehe ich da: ein grelles Gelb und darauf in schöner roter Schrift ganz gross:
Ein herzliches Grüß Gott beim Spezialisten für ROLLE BLATT ENDLOS
Ich versteh die Welt nicht mehr. Erstens will ich doch erstmal selbst herausfinden was ich machen möchte. Zweitens habe ich keinerlei Erfahrung bei der mir angebotenen Stelle vorzuweisen. Drittens kann es sehr gut sein, dass ich nicht in das Nummernsystem der Bundesagentur für Arbeit passe. Und für alle, die jetzt denken, dass ich genau der Typ Mensch bin, der anderen dadurch auf der Tasche liegt, dem sei gesagt: ich bin lediglich zur Bundesagentur für Arbeit gegangen, weil es gesetzliche Pflicht ist. Ich werde niemandem zur Last fallen, möchte auch kein Arbeitslosengeld. Was ich möchte? Das Glück in meinem Leben wiederfinden. Wieso erhört mich denn keiner? Manchmal bin ich doch verwundert, wie unterschiedlich sich die betreffenden Arbeitsberater um Arbeitslose kümmern. Matthias von den web junkies schildert hier seine äusserst positiven Erfahrungen. Nicht dass es heisst: »Alles is schlecht«! Vielleicht sollte ich einfach nach Gelsenkirchen umziehen, oder mich aber von seiner Beraterin via Mail beraten lassen?
Nächste Woche ist mein dritter Termin.
















Matthias K. meint dazu am
22.08.2006 um 23:26 h
So unterschiedlich können Erfahrungen sein. Meinen ersten richtigen Termin habe ich allerdings am 07.09., ob danach auch noch alles so rosa ist, kannst Du wahrscheinlich wieder in meinem Blog lesen. Ich drücke Dir auf jeden Fall die Daumen, dass es beim dritten Termin besser läuft.
David S. meint dazu am
06.08.2007 um 17:52 h
Das ist zur zeit auch ein thema das mich sehr beschäftigt. Aber ich denke im Leben geht es darum zu Leben und nicht 8 Stunden am Tag jemand anderen zum Erfolg zu verhelfen. Das ist meine Meinung dazu.