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Lieber Medienmann


Medienmann - revolution magazine - roots, reggae, culture and mindMedien der Superlative. Geschwindigkeit versus Recherche? Vor kurzem verfasste ich folgenden Brief an meinen imaginären Feind, den Medienmann. An eben diesen Medienmann, der mich ständig umgibt, mich umwirbt und umgarnt und von dem ich mich langsam und dennoch stetig belästigt fühle. Eben jenem Medienmann, der versucht mit meinem Geist zu jonglieren um zu sehen, ob seine Rechnung aufgegangen ist. Gemessen werde ich oft in Einschaltquoten. Bin ich auf dem Weg zur Maschine? Folgende Zeilen sind für dich:

Lieber Medienmann,
du sitzt angeblich am längeren langen Hebel, doch deine Worte sagen mir nichts. Du solltest mit gutem Beispiel vorangehen, doch Du bringst uns mit deinen Worten und Taten immer weiter zurück. Du manipulierst die Massen mit den unterschiedlichsten Methoden.

Ist es Dir z.B. egal ob Du in den Nachrichten von »Terroristen« oder von »Freiheitskämpfern« sprichst? Merkst Du nicht, wie unterschiedlich beide Wörter die Synapsen befallen? Oh doch, du merkst es sehr wohl. Wenn man die Kriege der jüngsten Vergangenheit betrachtet, fällt genau diese Sprachmanipulation auf. Ob während des Golfkrieges oder noch weiter zurück zu Zeiten der beiden grossen Weltkriege wurden Worte als Manipulationsmittel Nummer eins gebraucht. Das ging sogar so weit, dass ein bestimmter Wortschatz für Dich, lieber Medienmann, gesetzlich geregelt war. Erinnerst du dich? Deine Berichterstattung untermauerst du mit Bildern. Klar. Wirkt schneller, lesen muss man nicht mehr. Propagandamaterial erster Güte ist deine Grundlage. Du fällst darauf herein, machst Stimmungen. Der allseits bekannte Bildblog hat sich schon längst damit beschäftigt. Der aktuelle Libanon Krieg ist auch dein Schauplatz. Selbst die Nachrichtenagentur Reuters musste in einer Pressemiteilung zugeben, dass zwei Fotos von einem engagierten Fotografen manipuliert wurden. Über bembelkandidat und andere Blogs bin ich auf der Seite gelandet, die dieses aufgedeckt hat, littlegreenfootballs.com . Nur falls du, lieber Medienmann, immer noch behaupten möchtest, dass alles mit rechten Dingen zugeht.

Doch das ist nicht deine einzige manipulative Methode, die du dir ausgedacht hast. Wieso gibst Du dem »normalen« Bürger nicht das Recht auf Medienpräsenz, oder zumindest die Inhalte deiner Sendung zu bestimmen. Vielleicht wollen wir gar nicht deine neuesten Negativnachrichten sehen, sondern mehr positive Meldungen verarbeiten. Sag mir bitte nicht, dass es solche Meldungen nicht gibt, denn das wäre eine Lüge. Tja lieber Medienmann, da schaust du.

Warum musst Du dein Publikum mit Schildern manipulieren, damit sie Applaus spenden? Das Schlimme daran ist, dass zwar tatsächlich alle im Studio klatschen, aber nur weil Du es so möchtest. Oder noch besser ist, wenn Du ohne Publikum arbeitest und trotzdem Applaus bekommst. Deine suggerative medienmanipulierende Sicht der Lage zum Ausdruck bringst. Sicherlich könntest Du jetzt mit dem Einwand hervortreten, dass den Medien natürlich als Kontrollorgan eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zukommt. Doch leider wird dieses Argument bei mir nicht ziehen, denn da taucht eine ganz wichtige Frage auf: wer kontrolliert Dich, lieber Medienmann?

Zum Schluss machst du nicht mal vor der Musik halt. Ganz bewusst setzt Du eine bestimmte Art von Musik ein, um Spannung oder Entspannung zu erzeugen. Dadurch wird aus einem ganz billigen Film auf einmal ein Krimi. Doch nicht nur im Krimi arbeitest Du mit diesem Mittel, sondern vor allem und gerade in den Werbebotschaften. Da stellt sich mir doch tatsächlich die Frage: gibt man da wirklich jedem gerne ein Küsschen ? In einem Autowerbespot fahren alle Autos auf vollkommen unbefahrenen Strassen, die Sonne scheint, das Auto glänzt und Du verkaufst mir die geniale Sicherheit dieses Luxusklassewagens. Leider finde ich hier keine unbefahrenen Wege mehr, oft regnet es. Also zeig mir doch bitte die Realität, z.B. eine Szene, in dem das souveräne Auto schmutzig auf der Autobahn fährt und dahinter schon zwanzig Autos mit Lichthupe meinen Kofferraum inspizieren. Da kann das Auto seine Sicherheit beweisen. Ich hoffe Du kannst meine Verärgerung verstehen, denn jetzt hast Du auch noch die Reggaemusik für dich entdeckt und hinterlegst einige Werbespots mit dieser Musik. Zwischen Musik und Produkt besteht nicht einmal der Hauch eines Zusammenhangs. Was hat Reggae bitteschön mit einem Schokoriegel zu tun? Easy locker in Armut einen Riegel reinschieben? Oder hol dir Jamaika nach Hause auf dein Sofa? Deine Theorie, dass Du genügend Leute mit deinen falschen Wahrheiten erreichst geht immer wieder aufs Neue auf. Darüber bin ich immer wieder enttäuscht.

kuebelboeck - revolution magazine - roots, reggae, culture and mindDu bewirfst die Masse mit falschen Wahrheiten, die diesen Fake braucht, um sich bestätigt zu fühlen. Im Musikbusiness hinterlässt du eine Spur von Wahnsinn. Wie BSE infizierte Tieren stürzen sich viele Befallene auf von Dir erschaffene »Hypes« und »Stars«. Die Symptome zwischen Rinderwahnsinn und Massenwahnsinn nehmen ähnliche Züge an. Doch für deine Musik gibt es kein Importverbot. Sanktionen sollte man dir auferlegen, als Selbstschutz für jedes Individuum, das nicht stark genug ist dich zu hinterfragen.

noangels - revolution magazine - roots, reggae, culture and mindDu kreierst Bands von heute auf morgen, Containermenschen machst du zu den schon lange von Dir geplanten Stars in der Manege . Wo aber sind die wahren Musiker, egal welcher Richtung? Sie bleiben auf der Strecke, weil Du das Recht der Eintagsfliegenproduktion überstrapazierst. Uns allen ist das bewusst, doch anstatt persönliche Konsequenzen zu ziehen und Dir mal zu zeigen, dass doch noch etwas Verstand in uns steckt, kapitulieren viele von uns vor Dir. Du willst Gründe hören, warum sich so viele deiner Macht beugen?

Du kennst die Gründe, denn deine ausgiebigen Marktanalysen und »Meinungsumfragen« sind die Pfeiler deines Handelns. Das Individuum ist Dir egal. Die Masse macht´s. Du schürst den Hass und säst Unruhe aus. Bei gleichzeitiger Stilllegung des eigenen Denkens.

Durch dieses Verhalten ermuntern wir Dich noch mehr Gehirnausfluss zu produzieren und diesen in eine erneute Fakeproduktion zu stecken, die uns doch schon jetzt zum Hals heraushängt. Keiner von uns wird rückblickend mehr sagen können: weißt du noch den lockeren Tune vor fünf Jahren? Vielmehr werden die meisten von uns sagen müssen: ach, wie hiess das Lied doch gleich, na Du weißt schon, das mit den fünf jungen »gutaussehenden« Tänzern? Genau das ist der Punkt. Tanzen, aber nicht singen. Lieber Medienmann, irgendwann muss doch der Trend der liebevoll hechelnden vierer oder fünfer Gruppen zu Ende gehen. Aber Du lässt nicht locker. Obwohl der Trend schon dem Ende entgegensah, gibst Du nicht auf und hast noch einen draufgesetzt. Eine Band, die Du durch das Medium Fernsehen »erschaffen« hast, macht Schlagzeilen und räumt ab (für zwei Monate, dann kommt Frischfleisch nach). Mal im ernst und unter uns lieber Medienmann: erst das ganze Containergejaule und jetzt auch noch das. Das Ende ist fast erreicht und der Untergang wahrer Musik wird uns nach und nach unbewusst abgenommen. Nicht von unserem Geist, sondern von Dir, dem netten Mann in den Medien, der sich das alles ausgedacht hat. Jetzt suchst Du doch tatsächlich zum zwanzigesten Mal den Superstar und glaubst, dass 5 von Dir manipulierte Schiedsrichter den von dir vorher bestimmten erneut krönen werden. Also mich würde das wahnsinnig machen, wenn ich das Ergebnis schon vorher wüsste und trotz allem jede Woche den ganzen Fake durchziehen muss. Aber da hast du einen langen Atem, doch leider an der falschen Stelle, denn Du solltest beim Recherchieren und Auswählen dieses Durchhaltevermögen zeigen. Deine Maschinerie läuft auf Hochtouren und Du gibst alles, um deinen materiellen Reichtum weiter auszubauen, in der Hoffnung dass dieser deine geistige Armut ausgleicht. Doch du bewegst Dich immer mehr in die falsche Richtung, denn die Balance erreichst Du nur, wenn Du an den geistigen Werten deiner Produktionen arbeitest.

»Ich meine es doch nur gut«, sind vodergündig deine Worte, lieber Medienmann. Nach aussen wirkst du wie der Saubermann. Gekehrt werden müsste aber mal innen. Wenn du in Baden-Württemberg wohnen würdest, dann könntest du jeden Samstag während der Kehrwoche innerlich mit reinemachen. Du siehst, ich beschäftige mich mit dir. Eigentlich wollte ich das gar nicht, ehrlich. Aber die Medienlandschaft lässt mir kaum eine andere Wahl. Im Internet, ja da bin ich zu Hause. Viele Wege führen zum Ziel. Über spreeblick landete ich dann bei Markus Biedermanns del.icio.us Links . Sehr schön. Genügend Lesestoff für meine Synapsen. Vielleicht würde ich aber trotzdem gerne mal entspannt einen Film anschauen. Tja, lieber Medienmann, deswegen schreibe ich dir. Ich habe keine Wahl mehr. Die Sendeformate sind austauschbar. Intelligente Sendungen Mangelware. Keine Zielgruppe vorhanden? Früh um 9 beglückst du mich mit Frühstücksfernsehen, wo Prinzessin weiss nicht mit dem kleinen Gauner von der Straße fremdgegangen ist. Ab 11 Uhr starten dann deine Talkshows für die Volksverdummung. Ist klar, dass diese bis 14 Uhr laufen müssen, dass es auch jeder geschnallt hat, wie einfach der Durchschnitt gestrickt ist (Anm: deiner Meinung nach). Ab 15 Uhr bekommt man dann Lebenshilfe für zwischendurch. Irgendwann ermitteln dann ein paar Fake Komissare, die kaum ein Wort klar sprechen können und lösen intelligent gestrickte Fälle via Handy. Du siehst ich bin informiert, lieber Medienmann. Nicht aus eigener Erfahrung (tja, auch ich muss ab und zu mal arbeiten gehen). Nein, informiert bin ich, weil abends dann die Zusammenfassungen des Tages in tollen Sendeformaten laufen. Weil mir das nicht reicht schreibe ich dir. PISA Studie hin oder her, man kann nicht alles auf die Schüler schieben, wenn du als »Vorbild« eben diese ab 13 Uhr mit Müll bewirfst.

Ich bedanke mich vielmals bei Dir, lieber Medienmann, dass Du mir so deutlich gezeigt hast, wo mein Geist steckt und wie ich ihn für wichtigere Sachen nutzen kann, als deine programmierte Ausbeutung der Masse zu unterstützen.

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