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Garnett Silk – unsterblich


Garnett Silk - revolution magazine - roots, reggae, culture and mind Der Roots Reggae bedient sich inhaltlich gerne der einschlägigen Bibelzitate, die unter anderem auch der Rasta Philosophie ihren Rückhalt geben. Bob Marley hat diese Musik weltweit vorgestellt und somit den Weg für viele weitere Künstler aus Jamaika geebnet, die damit ihre Welt- und Gottessicht einer breiten Masse zugänglich machen konnten bzw. dies versuchten und noch versuchen. Nach Bob´s Tod »Raggamuffin« wurde eine raue, schlampige, pennermässige Person bezeichnet und dieser Begriff ergriff nun Besitz von der Art des Reimens, der in diesen Tagen die Massen in den Dancehalls anheizte.

Underdogs und der Gesellschaft Außenstehende bildeten auch hier den harten Kern. Es ging oft inhaltlich um Slackness und Gunlyrics. Schweinereien und Lieder über Knarren und »Rudebwoytum«, eigentlich so ähnlich wie heute auch. Die sogenannten Rudies waren schon in den sechziger und siebziger Jahren bekannt, aber sie wurden zu Rudebwoys im Zuge des technischen »Fortschritts«.

Dem galt es natürlich aus der »conscious Ecke« dagegen zu halten. Denn die Rastas haben nicht aufgehört Musik zu machen, nur wurden sie eben von der jamaikanischen Masse durch Ausrutscher in die Belanglosigkeit und schnulziger Produktionen einiger Bands für den europäischen Markt, nicht mehr so ernst genommen. Conscious heißt bewusst. Consciousness ist das Bewusstsein, die Bewusstheit. Und daher kommt auch der Begriff »Conscious Reggae«, der wohl nichts anderes bedeutet als sich seiner Verantwortung als Künstler gegenüber dem Publikum, das sich aus Jung und Alt zusammen setzt, bewusst zu sein. Diese Verantwortung zu nutzen, sinnvolle und sinnstiftende Inhalte zu vermitteln; sei es nun über »Roots« Instrumentals oder Dancehall Riddims. Auch wenn sich manche Künstler bewusst sind, dass sie über Schweinereien und Knarren singen, heißt das nicht, dass man sie in die »Conscious Ecke« platzieren sollte.

So trat dann auch der allseits bekannte Tony Rebel mit seinem Bredren Garnett Silk auf den Plan, um mit dem Sound »Destinys Outernational« die einlullende Macht der »Gun & Slack Tunes« zu brechen. Mit gehaltvollen Lyrics, die spirituell bis sozialkritisch waren und RastafarI wieder in´s rechte Licht rücken wollten, zogen sie in die Dancehalls ein und schafften es, dass die Massive ihnen Gehör schenkte. Der Mann mit der weichen, hohen Stimme und den seelenrührenden Botschaften, Garnett Silk, hatte es geschafft eine neue Hoffnung in der Musik Szene zu wecken.

In einem Interview, das Garnett Silk für das Buch »Reggae Island« zu Lebzeiten gab, sagt er:

Wissend, dass der Reggae so kraftvoll ist, was für eine Macht der Reggae hat, für was Jah diese Musik wählt, gehen I & I (Ich und Ich, wir), Tony Rebel und viele andere, wie Bob Marley, damit in der richtigen Weise um, weil sie so einflussreich ist. Also versichern wir uns, dass wir mit ihr nicht in einer Weise umgehen, die dem Vater zuwider läuft, oder etwa den Seelen der Leute, denn manches erscheint einem heute nett und morgen macht es einen bitter. So muss man es auf ein höheres Level hieven. Wir wissen was für eine Kraft Reggae hat und Jah hat uns diese Kraft gegeben, also müssen wir sie weise benutzen um gewisse Dinge anzusprechen. Musik ist mein Leben. Es ist auch egal aus welchem Land sie kommt, oder wie immer man die Musik nennt, so lange der Künstler der singt, einen positiven Geist hat. Ihr habt Lieder, die Zerstörung und solche Sachen promoten, aber ich denke die Musik muss dich upliften (nach oben bringen). Yeah, Bob zeigte klar auf, wenn man damit umgeht, soll man damit RICHTIG umgehen! Bob´s Musik ist eine Offenbarung, man, und Judgement (Gericht), und seine Arbeit hilft zu beweisen, dass was Jah sagt, die Wahrheit ist, dass Gott ewig ist und alles was man sagt oder tut für Jah, ewig ist; man kann nicht sterben. Was immer du sagst und tust lebt weiter. Also ist Bob eine Offenbarung und ein lebendes Gericht. Er hilft die Wahrheit Jah´s zu offenbaren.

Es war eine kurze und intensive Musik Karriere, die abrupt 1994 mit dem Tode des Protagonisten endete. Für die Rastafarians ist ein weiterer Prophet zu früh gestorben, doch es herrscht nach wie vor der Glaube, das es genau das ist, was einen wahren Propheten für Jah ausmacht. Alle Propheten RastafarI´s, so auch der größte – Bob Marley, sind jung gestorben. Und nun auch die nächste große Hoffnung: Garnett Silk. Geboren als Garnett Daymon Smith, 1970 in Manchester, Jamaika, begann er seine Laufbahn zwölfjährig als DJ unter dem Pseudonym »Little Bimbo«. Bevor er seinen ersten Tune »Problem Everywhere« für Delroy Collins ca. ´87 aufnahm, deejayte er bei Sounds wie schon genanntem Destiny Outernational, Stereophonic, Soul Remembrance und Pepper´s Disco. Sein Song ging aber im damaligen jamaikanischen Geschehen, beeinflusst von besagten Dancehall Inhalten, ziemlich unter, da er schon zu dieser Zeit einen gegensätzlichen Standpunkt beziehen wollte und »conscious lyrics« benutzte.

Hätte das deejayen geklappt, wären der Welt möglicherweise nicht die schönen Tunes untergekommen, die man dann später von Garnett hören durfte, die er unter anderem für Sugar Minott´s Youth Promotion, King Tubby, King Jammys und Penthouse Records aufnahm. Denn enttäuscht von seinem Misserfolg als DJ, setzte sich Garnett hin und schrieb Songs, die er dann mit seiner samtweichen, seidigen Stimme einsang und den Namen Silk, Seide, als Zusatz hinter den Vornamen setzte.

Die ersten Vergleiche zwischen ihm und Bob Marley wurden wohl nach seinem ´92er Album »It´s Growing«, das er für Bobby Digital aufnahm, gezogen. Verglichen wurde allerdings nicht die Stimme oder das Aussehen, sondern es ging wohl eher um den Status, den die beiden beim Volk inne hatten. 1993 unterschrieb Garnet Silk dann bei Atlantic Records und einige seiner vorhergehenden Aufnahmen wurden noch mal aufgelegt, oder neu veröffentlicht, von denen einige für Black Scorpio, Sly & Robbie und Star Trail aufgenommen waren. Seine Popularität riss selbst nicht ab, als er sich ´94 ein halbes Jahr Ruhepause gönnte um danach wieder Shows zu geben. Die Jamaikaner sahen in ihm eine Art neuen »Messias«, der in harten Zeiten über die Liebe singt und von jung bis alt jeden berührte.

Es gäbe bestimmt noch sehr viel Biografisches, sowie Diskografisches hier über Garnett Silk zu berichten, was aber leider auch wieder nur ein Wiederkäuen von vorhandener, sich über einschlägige Literatur oder das Internet besorgbarer Info wäre. Gabi, eine R-evolution Leserin, hat ihre höchstpersönliche und individuelle Erfahrung in Jamaika gehabt, worüber sie in einem Brief berichtet. Ihr erstes Mal in Jamaika, wo sie noch nicht mit der Kultur und der Musik »infiziert« war, lernte sie nicht nur ihren besten Freund Matze kennen, der sie auf ein Reggae Konzert in Mandeville/Brookspark einlud, sondern auch den Reggae und RastafarI lieben, durch Garnett Silk, den sie das erste Mal live erlebte.

So schreibt sie:

Ich hatte ja keine Vorstellung von Dancehall und Show bis zu diesem Abend. Mindestens 50 Artists von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Das alles auf Patois, einer Sprache die ich noch nicht verstand, dann Ragga Style, mir damals noch unbekannt in Deutschland. Kaum Whities zu sehen, maybe a handful. Tausende von Leuten und nur ein Bruchteil geht zur Show. 350 JA $ ist zu teuer für die meisten Jamaikaner. Endlich drin, trotzdem Outdoor, hatte ich ständig das Gefühl, alle warten besonders auf einen Künstler: Garnett Silk! Es war soweit, ein kleiner, dünner Mann kommt auf die Bühne im nice Suit und little Dreads. Mama Afrika, dieses Lied, seine Stimme, pure Silk. Trotz Dancehall und Ragga wird dieses Lied geliebt und zwar von allen Schichten. Es handelt vom Motherland und Sehnsucht, die Wurzeln. Und das verbindet. Es scheint, als ob sich alle besinnen; eine Zeit des Erwachens.


Mit Garnett Silk beginnt eine neue, alte Zeit des Reggae. Revival des Rastafari. Er wird in Jamaika gefeiert wie Bob Marley. Garnett ist gleich Roots, Jah, Liebe, Rasta! Und er hat viele Feinde, meist Neider. Trotz Roots und Jah singt er auch Dancehall und Lovesongs, von Frauen und Liebe. Viele andere Artists »verteufeln« dies, doch Garnett Silk sagt, Gott ist die Liebe, Liebe sind Frauen und Frauen sind Gottes größtes Geschenk auf Erden. Die meisten Lieder und Texte schreibt Garnett selbst. Nach ihm ließen sich einige Artists ihre Dreads wachsen, so wie Buju Banton, Luciano und Anthony B., nur um einige zu nennen.

Haus von Garnett Silk - revolution magazine - roots, reggae, culture and mindZu Hause angekommen vertiefte sich Gabi in die Hintergründe von Reggae, Rasta und Jamaika. Nachdem sie zwischenzeitlich schon mal dort war, flog sie im Dezember 1994 wieder nach Jamaika und hörte, dass Garnett Silk tot sei. Sein Haus sei bei einer Gasexplosion in die Luft gegangen; er und seine Mutter seien umgekommen. Andere Quellen reden von einem Anschlag, manche, dass sich beim Putzen der Knarre, das Garnett für seinen Bruder übernahm, versehentlich ein Schuss löste und den Gas Tank des Hauses traf. Die jamaikanischen Medien berichten hingegen von einem Unfall, der sich zutrug, weil Garnett sich zwei Schusswaffen von seinem Anwalt lieh, um einen Einbrecher, der bei ihm einsteigen wollte, zu verfolgen; jemand zeigte ihm wie man die Pistolen benutzt und da löste sich ein Schuss und traf den Tank. Viele meinen, er wollte seine Mutter aus dem brennenden Haus retten und beide kamen um´s Leben. Da ist man sich wohl noch nicht ganz einig, wie es letztendlich wirklich geschah.

Jedenfalls schreibt Gabi über diesen Aufenthalt `94 in Jamaika:

Kurze Zeit zuvor hatte Garnett Silk einen neuen Song. Es war eine Neuauflage seines alten, sehr alten Tunes »Oh Mama«, und dann so was! Natürlich kocht die Gerüchteküche und einige reden von Anschlag und Mord. Naja, wäre ja nicht das erste Mal bei einem Reggae Star. Nero, einer der Söhne der Familie bei der ich wohnte, fragte mich, ob ich auf die Beerdigung von Garnett gehen wolle. Er meinte, viele Leute werden kommen. Also überlegte ich nicht lange und organisierte einen Pick Up für uns. Und los ging´s. Wir fuhren in Richtung Mandeville irgendwo in der Countryside wo Garnett zu Hause war. Als wir ankamen waren schon viele da. Es lag alles auf einem kleinen Hügel mit vier Häusern drauf, davon war ein Haus ausgebrannt und ohne Dach. Ein anderes Haus sah wie ein Mausoleum aus, dort war Garnett Silk aufgebahrt, oder das was übrig von ihm war. Es kam Tony Rebel und Mutabaruka; sie hielten die Messe ab und eine Rede für Garnett. Immer wieder ertönte die Musik des Verstorbenen. Danach gingen alle Freunde und Familienmitglieder sich von ihm verabschieden im Mausoleum. Dauer ca. zwei bis drei Stunden; dazwischen Musik und Plakate von Ihm. »Zion In A Vision«. Es war als spürte man ihn. Ja, er war unter uns und ist es bis heute.


Niemand weinte oder war traurig. Es war ein schönes und ergreifendes Gefühl. Es hat mein Herz berührt und ich war erfüllt von Glück. Eigentlich ist so ein Gefühl nicht zu beschreiben, da jeglicher Versuch nur in Kitschigkeiten endet. Auf jeden Fall war ich voller Ehrfurcht, so dass ich keine Fotos zu machen wagte. Es war einfach unpassend. Nero machte ein Foto vom Geburtshaus, jenes Haus das ausbrannte. Die Sonne war lange unter gegangen und nach sechs Stunden gingen auch die letzten Gäste nach Hause. Auf der Heimfahrt kam die Traurigkeit, denn dann realisierte ich, dass er nie mehr wieder kehrt. Doch wir haben seine Songs, Songs die so mächtig sind, dass sie nie verklingen. Garnett lives on – Jah RastafarI!

Wir danken Gabi für ihren Brief! Garnett Silk hatte wohl sehr großen Einfluss auf die Menschen und auch die Dubplates, die einige Kritiker als kontrovers zu seinen Aussagen in den Tunes sahen, behielten weiterhin ihre Wirkung. Seine größten Hits waren wohl unter anderem »Hello Africa«, »Who is like Selassie«, »Splashing Dashing«, »Oh me oh my«, A Man is just a Man«, »Zion in a Vision«, »Mama«, »Lion Heart« , »Gave you Everything«, »Love is the Answer«.

Bezogen auf seine Texte im allgemeinen gibt Garnett im vorgenannten Interview Auskunft:

Ich schreibe über die Dinge, die ich sehe, auch in Vision, verstehst du? Dinge, die blanke Augen nicht sehen können. Ich sage, Jah hat mich hervorgebracht um nur über die Wahrheit zu singen. Ich sehe mich selbst als ein Instrument von Jah. Ich bin hier um die Leute zu lehren und ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Ich bin hier um die Leute glücklich zu machen. Ich singe, mache sie glücklich und lasse sie ihren Ärger vergessen. So gibt es was, was alle Musiker gemeinsam haben. Alle Energien entsteigen dem gleichen Ort.

Dieses abschließende Statement soll aufzeigen, wie sich Garnett selbst gesehen hat und die nun folgenden Zitate werden diesen Artikel schließen.

Sister Elise Kelly, Irie-FM discjockey:

Garnett Silk was a vessel sent by the Almighty. He definitely did not belong to himself…his body housed the spirit of the Almighty. (Garnett Silk war ein Gefäss, vom Allmächtigen gesendet. Er hat sich nicht selbst gehört….sein Körper beheimatete den Geist des Allmächtigen)

Yasus Afari, dub poet:

I see the man as a sacrificial lamb of the struggle for the liberation of the African. (Ich sehe den Mann als ein Opferlamm des Kampfes für die Befreiung der Afrikaner an)

Tony Rebel:

He came and did his work and maybe it even feel like he left early, but maybe it happened this way so that people can penetrate his words more… Ever live Garnett Silk. (Er kam und tat seine Arbeit und vielleicht kommt es so vor, als hätte er uns früh wieder verlassen, aber vielleicht passierte es so, dass die Leute seine Worten mehr erforschen können…ewig lebt Garnett Silk)

Diese Worte bleiben stehen. Ergänzungen wären hier fehl am Platze. Danke.

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