Seit den 20er Jahren kamen Jamaikaner nach Kuba um Zuckerrohr zu schneiden. Sie haben sich dort eingelebt und etabliert. Seit 1974 kamen dann Jamaikaner um zu studieren, weil Kuba zu Michael Manley, dem damaligen Premierminister von Jamaika, Beziehungen unterhielt. Im Flugzeug von Kuba zurück nach Deutschland saß ein Landsmann neben mir, der sich beständig über die Verhältnisse in der Bundesrepublik beschwerte, wie man kein Vertrauen mehr in die Politik haben kann usw.
Seit Jahren braucht er immer seine paar Tage Auszeit in Kuba, denn hier seien doch alle viel warmherziger und ehrlicher. Dem wohl größtenteils zustimmend erinnerte ich mich jedoch an das Interview, das ich mit Ras I’riel, Maler und Eventkünstler in Alt-Havanna führte. Er ist einer, der sich kritisch mit seinem Land, seinen Leuten und nicht letztendlich mit sich selbst beschäftigt, wobei er Kraft aus seiner Rastafari Lebensweise schöpft. Für Ras I´riel ist ein Rasta eine normale Person wie jede andere mit eben ein paar spezifischen äußeren Merkmalen, wie afrikanischen Symbolen, Dreadlocks und den äthiopischen Farben. Rasta ist aber deswegen noch lange nicht von einem anderen Stern, vom Mond, von der Sonne oder sonst wo. Doch auch in Kuba schauen die Leute einen an und meinen: dieser Kerl denkt nur an Marihuana, Haare wachsen lassen und Reggae Musik hören.
»Für mich ist es stupide, wenn ich so etwas höre, weil Rasta ist mehr, ist tiefer!« meint Ras I´riel, als ich mich mit ihm zu einem kleinen »Reasoning« zusammen setze. »Ich weiß, dass es in Jamaika sehr populär ist über Ganja zu sprechen, weil du dort Ganja sehr einfach findest. Rasta benutzte immer Ganja, um den Geist anzuheben. Aber das heißt nicht, dass jeder Ganja benutzen muss, um seinen Geist anzuheben. Zum Beispiel: Ich arbeite, ich liebe meine Familie, dafür brauche ich nicht Ganja. Ich liebe Gott, ich brauche kein Ganja, um Gott zu lieben. Denn als ich geboren wurde, da wusste ich ja gar nicht was Ganja ist. Ich habe es kennen gelernt als ich 13 Jahre alt war. Aber was ist zuvor passiert? Bist du gestorben? Nein, du existierst, du führst dein Leben fort. Wenn ich jemanden sagen höre »Ich kann nicht ohne Ganja leben, weil ich Rasta bin«, ist das für mich nur dummes Gerede.«
Der kubanische Maler ist der Meinung, dass das einzige was man zum Leben braucht, Nahrung und Liebe sei. »Du musst deine Freunde lieben, deine Familie, Kinder und Tiere. Das ist das was ich von Rasta gelernt habe, nahe zur Natur zu sein. Du bist deswegen nicht der beste, aber du bist schon anders. Du musst feinfühliger sein für Alles um dich herum und in dir – ob nah oder fern, einfach für Alles. In meinem Fall, da ich ein Maler bin, muss ich sowieso sehr empfindsam für alles sein. Aber nicht notwendigerweise für Ganja. Das ist mein Standpunkt. Ich respektiere aber Jamaikaner, die darüber anders denken, weil ich wegen ihnen zu Rasta kam. Weil sie in meinem Land studierten als ich ein kleines Kind war. Ich nahm diese Idee auf, diesen Geist, ... es ist sehr schwer zu erklären.«
Zu Rastafari kam der jetzt 40 jährige Ras I´riel in jungen Jahren über kleine Umwege, als ihn sein Cousin auf eine jamaikanische Party in der Nachbarschaft einlud. Die gemischten Gefühle, die sich von da an gegenüber den Anwesenden und dem Dreizehnjährigen aufbauten, konnte er nur schwer beschreiben. Es war jedoch besser als fernsehen und so war die erste Scheibe, die er in der Hand hielt »Legalize it!« von Peter Tosh.
Nach einer langen Lachpause gab er zu: »Wenn ich auf kubanischen Parties war, die Musik, der Stil, die Menschen, all das war nicht schlecht, aber immer wenn ich danach heimkam fühlte ich mich sehr unwohl. Ich versuchte etwas anderes zu finden, weil das nicht die Sache für mich war. Auf der jamaikanischen Party hörte ich die Musik, ich verstand kein einziges Wort, ich verstand diese Menschen nicht und sagte mir nur Wow! Das sind sehr seltsame Leute! Sie sprachen jamaikanischen Slang, trugen Sonnenbrillen in der Nacht und so eigenartige Kleidung, all das war so seltsam für mich in dieser Zeit. Völlig anders als was ich je zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Sie hatten eine gewisse Anziehungskraft auf mich: aggressive, selbstbewusste Menschen. Schwarze in meinem Land waren sehr soft, sie hatten keine Kraft. Als ich die Jamaikaner sah entstand etwas sehr eigenartiges in mir, weil ich spürte, dass ich nach etwas wie ihnen gesucht hatte.«
Aber noch hat er keinen »echten« Rasta zu Gesicht bekommen. »In Kuba machten sich nur sehr wenige Rastas Dreadlocks«, gibt er zu bedenken, »und zu Beginn, mit 13, 14 Jahren, versuchst du einfach die älteren Menschen zu imitieren.« (lacht) In meiner Tasche hatte ich immer eine Kassette mit Reggae Musik; überall wo es einen Kassettenrekorder gab fragte ich, ob ich sie einlegen durfte. Und schon beim ersten Song meinten die Leute das sei Musik aus Afrika. Musik aus Angola. Manche nennen sich heute Rasta, waren aber damals ständig am kritisierten und meinten diese afrikanische Musik sei nur für arme Menschen! Haities, Jamaicinos! Was in Kuba soviel bedeutet wie bei euch »Nigger«. »Du bist nichts! You are fucking black! Aber du bist doch Kubaner, du bist nicht aus Jamaika!« Die ganze Zeit, ständig und immer schufen sie Probleme in meinem Kopf. Nie traf ich jemanden, der etwas positives über meinen Stil sagte. Nicht über Rasta, weil damals wussten sie noch nichts von Rasta. Ich lernte Rasta kennen sprach aber nicht darüber. Das Gefühl, die Ahnung war sehr klar, aber nicht das Wissen … über Selassie, Jamaika, Marcus Garvey. Ich lernte es langsam mit einem Freund kennen, der hier am technischen College studierte. Die ersten Jamaikaner, die ich damals traf, wiederholten eher die Sachen, die sie einmal gehört hatten. Die neueren, die am technischen College studierten waren weiter, mehr geöffnet.
Langsam vollzog sich eine spirituelle Wandlung. Erst später an der Highschool und am College, ließ Ras I´riel die Dreads wachsen und bekam Ärger, weil zwar Weiße lange Haare haben konnten, jedoch ein Schwarzer mit Locks schon wieder ein Problem darstellte. In dieser Zeit, ca. 19981 waren Dreadlocks eine riesige Unverschämtheit. Dazu meint er heute: »Es war eine Erfahrung für mich, bei der ich schon überlegte, ob ich die Dreadlocks abschneide damit ich keine Probleme mehr habe. Alles hört auf! Aber es war unmöglich für mich vor Gott zu fliehen. Ich begann zu verstehen, dass ich etwas sehr tief in mir trage. Nichts für Spielereien, nichts zur Belustigung, nein, etwas sehr Reales. Viele Menschen waren gegen mich: Familie, Freunde, Freundin … Ich war anders, weil ich Dreadlocks trug und die Leute nichts über Rasta wussten. Die Ästhetik in Cuba war damals sehr weit weg von der übrigen karibischen Ästhetik.«
Ich hatte den Eindruck dass viele Schwarze in Kuba nichts über ihre Geschichte wissen und das auch verdrängen. Nun ist Rastafari eine Bewegung, die auch vom afrikanischen Erbe handelt, und schwarzen Menschen Kraft und Wissen zurück bringt. Daher war es auch befremdlich für mich, dass mir einige sagen, sie wären gerne so weiß wie ich. Doch laut meinem Gesprächspartner ist das eine Situation in Kuba, die er seit seiner Geburt erfährt. Er wurde in einem sehr rassistischen Stadtteil in Havanna geboren; ein ständiger Kampf. Viele sagten ihren Kindern sie sollen nicht mit Schwarzen spielen, weil Schwarze schlecht und schmutzig seien.
»Ich sprach darüber immer mit meiner Mutter«, meinte Ras I´riel, Sie war eine sehr angenehme, sehr naive Person. Das war ein Problem für mich und sie, denn sie war immer »in der Luft und setzte nie einen Fuß auf den Boden«. Ich verstand zum Beispiel viele Sachen die um mich herum und in mir passierten, doch sie versuchte immer alles schön zu färben. Denn sie war eine sehr überzeugte Kommunistin und versuchte für alles Schlechte, was in diesem System passierte, eine Rechtfertigung zu finden. Doch ich meine der Rassismus in meinem Land ist sehr übel, weil er mich verletzt, weil er mich jeden Tag tötet.
Die beste Zeit seines Lebens war mit den Leuten aus Jamaika und den anderen karibischen Inseln, lässt er mich wissen und merkt an: In meinem Land haben die Menschen große Probleme mit ihrer Hautfarbe. Meine Tochter ist von einer weißen Frau und ist somit ohne »Rasse«. Nun gibt es ein Problem für mich, weil ich in einer rassistischen Umgebung aufwuchs. Und ich sehe die Welt mit diesen Augen, bin dauernd am Denken »dieser Mensch ist schwarz, dieser Mensch ist weiß«. Ich versuche es aus meinem Kopf zu kriegen, aber es ist wie eine Krankheit. Weil die Leute sehen mich alle mit denselben Augen: »Oh, ein schwarzer Mann…«. Ich höre das jeden Tag und kann ihm nicht entkommen. Wenn ich Ausländer treffe passiert es nicht so häufig. Das hört sich sehr lustig an, denn ich lerne von den Leuten aus Europa (lacht). Weißt du, in Kuba ist es unmöglich seine Hautfarbe zu vergessen. Das System hier sagt, jeder hat gleiche Rechte. Das ist offiziell. Aber dein Herz ist dein Herz. Ich spüre etwas gegen mich wegen meiner Hautfarbe. Und ich fühle noch etwas befremdliches. Da ist noch mehr: Sehr ignorante schwarze Menschen! Das macht mich sehr traurig, denn diese Leute sind sehr einfach und sehr aggressiv. Gehen auf die Strassenparties und gebrauchen Messer, manchmal Pistolen. Ich mag diese Menschen nicht aber ich weiß: wenn du versuchst etwas besseres in dieser Gesellschaft zu schaffen, rettest du eine Menge von ihnen. Diese Menschen wissen nichts über ihre Wurzeln, ihre »Roots«: Afrika und die Karibik. Sie sind von der Karibik und Afrika enttäuscht. Für sie ist es manchmal wichtiger nach Europa zu kommen, aber ohne Roots. Das ist als ob du an den nächsten Ort gehst, ohne Kleider an zu haben. (lacht) Du bist nackt! Für sie besteht das Leben aus Alkohol, Rauchen, manchmal anderen Drogen, und das war’s. Und Auseinandersetzungen mit anderen. Das ist das, was ich hier in meiner Gesellschaft sehe.
Doch in Kuba gibt es eine Religion, Santèria, deren Ursprünge zur Zeit der Sklaverei zu finden sind und mit dem Stamm der Yoruba kamen. Manchen Leuten sieht man es an, denn sie tragen die typische Kleidung und Schmuck. Man könnte meinen, da Santéria auch afrikanische Wurzeln hat, kann man Afrika ein bisschen durch diese Religion zurückkommen sehen. Doch wie man auch falsche Rastas, »fake Rastas« finden kann, gibt es in allen Religionen »falsche« Menschen und es gibt allgemein, nach Meinung Ras I´riel´s, viele falsche Menschen. »Manche Leute hier haben eine Tradition in dieser Religion, weil ihre Familie die Kraft in die neue Generation weitergab. Ich zum Beispiel lernte diese Religion erst sehr spät kennen. Ich wusste zwar davon als ich ein Kind war, aber niemand sprach darüber. Meine Mutter war Kommunistin; lange war es unmöglich an irgendeine Religion zu glauben. Eines Tages, in einer Minute sagten sie »Ihr dürft an eine Religion glauben…« Jeder rannte los und versuchte etwas zu finden, wie das Beste oder das Dümmste auf der ganzen Welt, für gar nichts gut. Heute ist es wie eine Mode … viele werden Santos, weil es »besser« für sie ist. Es ist leichter mit Ausländern auszugehen, das ist einfach nur lustig. Und es ist sehr einfach. Das ist das, was ich vorhin schon sagte. Je mehr ich die Menschen verstehe, desto trauriger stimmt es mich. Weil diese Menschen sind so einfach gestrickt. ... es ist eine lange Geschichte über unser System. Die meisten Leute warten auf Irgendjemanden, eine Person die sagt Yes: dann rennen sie los. Oder No: dann bleiben sie stehen. Wie eine Puppe, so einfach. Niemand kann mich manipulieren, das ist eine Sache, die ich habe. So ist es einfach für mich Santèria und Rasta zu leben, denn Rasta ist aus Afrika, Santéria ist vom gleichen Ort. (lacht) Das kulturelle System in deinem Körper ist ein Prozess, ist Revolution, ist Evolution.«
Wie heißt es doch in der Bibel: »In my father´s house there are many mansions! In meines Vaters Haus gibt es viele Zimmer!« Die Probleme untereinander sind doch oftmals die Probleme der Institutionen hinter den Religionen. So erklärt mir Ras I´riel, dass der erste Schritt wäre, ein sehr »großes« menschliches Wesen zu sein. Danach kannst du alles machen, was du willst. Zum Beispiel: Als die Tür sich öffnete, ging ich ein in die Rasta Bewegung, Rasta life, Rasta religion. Zu Beginn war alles grossartig und wunderbar. Ich wuchs mehr und mehr. Ich war mehr und mehr in Evolution. Später findest du innerhalb dieser Tür, in diesem Raum, noch andere Türen. Vielleicht denkst du dir »welche Tür? Oder soll ich vielleicht wieder ganz raus gehen?«, aber es war unmöglich für mich wieder ganz heraus zu gehen. Du musst etwas verstehen: Das bedeutet für mich, ich muss weiterkämpfen in diesem Ringen, this struggle. Jetzt bin ich schon weit weg von dieser Türe und muss den Weg fortsetzen. Weil vielleicht öffnet sich eine neue Tür, im gleichen Raum, aber etwas noch besseres.
Für mich ist es manchmal schwer schnell auf die Frage ob ich Rasta wäre, zu antworten, weil es eine sehr persönliche Erfahrung für mich ist. Wenn Ras I´riel jemand fragt »Are you Rasta?«, sagt er sehr simpel: »Yes! Ja heisst Ja und Stop! (lacht) Frage mich nicht mehr über Rasta! Wenn aber die gleiche Person wirklich mehr wissen will, was Rasta bedeutet, warum ich Rasta bin … erkläre ich das abstrakter. Früher war ich mehr objektiv, jetzt ist Beobachten mein Beruf, ich bin ein Maler. Wenn du in die Kunstschule gehst, magst du Salvador Dali, alles ist sehr klar und schön dargestellt. Später findest du etwas anderes, vielleicht Edvard Munch, kräftiger, auf einer anderen Ebene, abstrakter. Eine höhere Ebene. So ist es überall, in diesem Fall mit Rasta. Heute ist es schwerer für mich es den Menschen zu erklären, weil meine Ebene viel höher ist. Ich kann nicht einfach sagen »Ja, ich bin Rasta, weil Haile Selassie…« Weil heute bin ich mir sicher: aller Respekt für Haile Selassie, aber Haile Selassie ist »nur« ein Schritt, für mich ist Gott weiter. Er ist ein Schritt für Rasta. Ich höre immer »Rasta ist eine revolutionäre Person.« Wenn du nur sagst »Selassie, Selassie, Selassie«, denke ich, dann sperrst du dich ein, in deinem Geist, wie im Gefängnis. Du bist nicht frei. Du bist vielleicht genauso wie die Leute, die du kritisierst, weil du sagst »du bist nicht frei, weil blablabla…«, du bist genauso. Du musst den Weg fortsetzen. Selassie ist ein wichtiger Punkt. Ein wichtiger Schritt für Rasta im speziellen. Aber es ist kein Punkt wie ein Haken, wie »nimm mich und bleib hier mit mir.« Ich könnte sogar meine Dreadlocks abschneiden, aber die Haare sind Teil meiner Persönlichkeit, Teil meines Zaubers, meiner Zauberenergie. Ich respektiere meinen Finger wie meine Haare. Es ist nicht unmöglich meine Haare zu schneiden, aber es wären Schmerzen.
Über seine Situation im speziellen meint er: »Jeder ist anders. Du hast dein Leben, ich habe mein Leben, obwohl du Rasta bist, ich bin Rasta, sind wir verschieden und zugleich auch gleich. Dein Leben ist anders, meine Leben ist anders, jeder hat seine Rolle. .. Ich sage nicht, ich schneide mir die Haare nicht, weil blablabla… Das ist meine Situation. Es ist genauso, wie als ich vor sechs Jahren meiner Tochter Dreadlocks machte als sie sehr klein war. Nach einem Jahr schnitt ich sie ab und sagte Nein, nein, nein. Weil ich tat damit das gleiche, was ich nicht will, das die Leute mit mir machen. Sie soll entscheiden, was sie in der Zukunft will, sie ist doch erst ein Kind. Heute verstehe ich mehr vom Leben, von den Menschen, über das menschliche Wesen. Ich sage, ich kümmere mich nicht darum, ob sie Rasta ist oder nicht. Das einzige, das mir wichtig ist, ist dass sie ein wahrer Mensch wird, ein guter Mensch, ein angenehmer Mensch.«
Mit seiner Arbeit ging Ras I´riel ebenso durch viele verschiedene Perioden. Zu Beginn versuchte er mehr über Rastafari auszudrücken, die Menschen und das Leben in einer Gemeinschaft. Später realisierte er, dass er versuchte etwas zu überbringen, was in Kuba so nie existierte. Dort gibt es zwar viele Rastas, aber keine wirkliche Gemeinschaft oder Organisation. So begann er dann mehr über die Leute seiner Nachbarschaft zu reflektieren. Nur mit und für Rastas zu arbeiten wäre ihm zu langweilig. Jetzt versucht er mehr auszudrücken, dass Rasta eine normale Person ist, jemand von nebenan; eine weitere Sicht der Dinge. So meint er dazu: »Das war meine zweite Arbeitsperiode. Ich versuchte dann mehr das kubanische Bild der Welt darzustellen, zum Beispiel das Leben von kubanischen Musikern in den USA, dieses Thema hat mich voll ergriffen. Manchmal fragen mich Leute, wo steckt Rasta in deinen Bildern? Ich sage, ich bin ein Rastamann, ich muss das nicht noch explizit darstellen, denn alles was ich mache ist sowieso ich und somit auch Rasta. Wenn du ein Bildnis eines Rasta sehen willst, schaue einfach mich an.« (lacht)
Ab dem Zeitpunkt verstand er, dass dieses Leben nicht nur für Rasta ist; es ist für jeden. Seine Tochter ist nicht Rasta, sondern so wie er, Teil seiner Familie. Jeder ist verschieden und jeder ist eine freie Person. Respekt ist das allerwichtigste für ihn und seine Familie und so ist er überzeugt: »Wir sind frei und anders, aber dennoch sind wir gleich. Es ist mir nicht so wichtig, ob sie Rasta folgen oder Reggae Musik hören. Wenn sie es hören wollen, teile ich es mit ihnen und sie teilen etwas mit mir. Und so ist es auch mit meiner Arbeit: ich versuche etwas zu teilen, mit-zu-teilen. Da muss eine Balance aufkommen, denn schlussendlich muss der Betrachter meine Arbeit analysieren und selber verstehen.«
Ras I´riel hat zum Beispiel eine große Wand vor dem Museum der Revolution gemalt. Das Bild hat drei Dimensionen, denn es erzählt drei verschiedene Geschichten. Er ist nicht vollkommen zufrieden damit, aber es war eine große Herausforderung. Während des Malens sog er die ganze Zeit die Umgebung in sich auf und die Vorstellungen der Passanten, die seine Arbeit kommentierten, um sie mit einzubeziehen. Es war manchmal sehr lustig. Manche meinten er wäre high auf Marihuana, doch er informierte sie, er brauche nichts um seine Arbeit zu machen. »Wenn du wirklich etwas willst«, meint er bestimmt, »brauchst du nichts von außen, um es zu erreichen.« Es war für sie verwirrend: ein Rasta, der nicht Bob Marley malt, nichts über Reggae, kein Ganja-Blatt und meint er braucht das Kraut nicht für seine Arbeit?! Doch ich versuchte eine weitere Vision von Rasta zu vermitteln. Ich widmete mich sehr dieser Aufgabe und entwickelte eine große Diziplin. Es war wie mein Büro in der Strasse: ich malte fünf Minuten und jemand unterbrach mich und fragte etwas. Das war sehr lustig. Touristen und Kubaner und ich teilte viele Erfahrungen mit ihnen.
Zur Zeit macht er eine Skulptur für die alle zwei Jahre stattfindende Kunstmesse in Havanna und hat schon lange die verrückte Idee einen riesigen Plattenspieler aus Eisen an einer sehr alten Wand in Havanna anzubringen. Sein einziges Problem ist nur der Mangel an Materialien. Es gibt Farben usw. aber sie sind sehr teuer. Die Touristen suchen vor allem nach den typisch karibischen Gemälden: fröhlich, viele bunte Farben, simpel und seine Bilder sind ihnen zu traurig, zu real. »Ich reflektiere die Realität und kann daher nur wenige der Bilder verkaufen.«
Auf einem Wandbild lacht zum Beispiel ein Kerl, doch das Lachen ist nicht ungezwungen, nicht frei. Denn die Polizei fragt ihn gerade nach seinem Ausweis. Und dieser Kerl auf der Wand ist eben er gewesen, als er die Wand malte. So ist das Bild für ihn also keine reine Fiktion, sondern reales Leben, Erfahrung der Unterdrückung. Er teilte durch die Arbeit seine Gefühle zu dieser Zeit mit. Vor allem seine Tochter war damals wegen dieser Situation sehr angespannt und nervös.
Auf die Geschichte dahinter angesprochen meint Ras I´riel: »Ich war vor vier Jahren mit ihnen am Strand. Meine Tochter war gerade drei Jahre alt. Ich war mit ihr im Wasser, meine Freundin sonnte sich am Strand. Die Polizei kam zu mir und fragte mich sehr aggressiv nach meinem Ausweis, als ob ich etwas verbrochen hätte. Ich ging zurück an den Strand und der Polizist ließ nicht ab von mir. Meine Tochter griff meine Hand fester, meine Freundin kam hinzu und der Polizist forderte mich auf, mit ihm zu kommen. Dieser Mann war entweder sehr dumm oder sehr arg Polizist. Das ist für mich das gleiche. Ich sagte, was machst du, machst du deine Arbeit? Ich bin hier mit meiner Familie und du sagst, ich muss mitkommen, weil ich am Strand keinen Ausweis dabei habe? Was mache ich falsch, wenn ich mit meiner Tochter ins Wasser gehe? Meine Tochter nahm die ganze negative Energie der Situation auf, die Aggressivität des Mannes, meine Wut.. und so was passierte schon zuvor ständig. So bekam sie eine Art Trauma und wenn sie einen Polizist sah, hielt sie sich stärker an mir fest. Dieses Bild war also auch die Reflektion dieser Situation am Strand. Manchmal gehe ich heim mit dieser verdammten negativen Energie, die sie mir geben und versuche etwas Positives damit zu machen, die Energie für ein Bild zu nutzen. Ich könnte danke sagen! (lacht) Du musst versuchen die Chance zu nutzen und die Energie umzuwandeln. Wenn ich manchmal so ein Bild verkaufe, ist es als ob ich einen Teil von mir weggebe.«
Ich erzähle ihm etwas über eine sehr enttäuschende Situation für mich in Kuba: ein »Freund« hatte mich nach langer Zeit für wenig Dollars übers Ohr gehauen. Bis heute weiß ich nicht wirklich wie ich die Situation betrachten soll. Er scheint betrübt und meint, er rede oft über so was mit seinem besten Freund Roberto: »Wenn die Leute hier etwas von dir wollen oder erwarten können, lachen sie dir ins Gesicht. Alle Leben hier eng aufeinander, es gibt keine Privatsphäre, du hörst es, wenn jemand nebenan weint. Das ist alles sehr schwierig, keine Privatsphäre zu haben. Viele Menschen hier haben zwei Gesichter. Was ich dir über die Religion erzählt habe: erst verboten, dann erlaubt. Die Menschen hören ja – nein –doch wieder ja – nein … Die Leute haben Angst, sind durcheinander. Sie handeln gegen dich und kommen später wehleidig und bitten um Vergebung. Aber wenn man ihnen eine neue Möglichkeit gibt, werden sie es wieder tun. Viele hier denken Touristen sind dumm, während sie selber clever sind. Doch die einzigen Dummen hier sind wir. Wir können nicht hier rausgehen, wir sind eingesperrt in einer Kristallkugel. Du musst hier lange leben, um unsere Kultur zu verstehen.«
Die Mentalität in seinem Land bezeichnet Ras I´riel wie die Mentalität im Gefängnis: »Jail mentality, das tötet mich jeden Tag. Du kannst einfach heim fliegen, ich werde hier weiterleben. Leute schalten ab auf Parties, betrinken sich, haben Sex like a fucking animal. Sie werden älter und dümmer. Das ist nichts mehr für mich. Ich muss menschliche Wesen kennenlernen, wirkliche Menschen. Dieses Land hier ist besser für Pferde und Hühner.«
Über die Touristen meint er: »Manchmal ist es für Menschen sehr schwer die guten Seiten an ihrem Land zu würdigen. Sie suchen das Schöne außerhalb. Sie kommen hierher, fahren mit dem Hotelbus vom Zimmer an den Strand und wollen ihren Spaß. Sie laden jemanden zum Essen ein, und er macht sich dafür zum Clown, und der Tourist denkt sich »das ist ja eine tolle Person.« Für mich ist das wie eine neue Kolonisation. Als Kubaner musst du lachen und umherspringen, weil du den Touristen dann sympathischer wirst. Doch eigentlich fühlen beide dabei nichts wahres. Alles Oberfläche, aber nichts im Innern. Ich habe lieber »kältere« Menschen, weil wenn sie sich öffnen, dann öffnen sie sich wirklich. Und wenn sie sich nicht öffnen wollen, dann tun sie es eben nicht. Aber das ist das traurige an der Situation vieler Menschen: Sie suchen die Clowns und denken sich noch dabei, das ist der Mensch den ich brauche, denn er lacht immer mit mir.«
Ras I’riel war gerade auch an einem CD-Projekt beteiligt, bei dem er teilweise am Mikrofon agierte. Die CD zu Ehren von Latinmaster Mongo Santamaria wird aber demnächst nur in den USA und Mexiko veröffentlicht. Ras I’riel würde sich über jegliches Interesse an seiner Kunst herzlich freuen. Auch eine Ausstellung in Europa wäre für ihn ein Traum.
........und trotz der negativen Berichte im Text, Kuba ist ein schönes Land und jede Reise wert! Sich entwickeln kann man überall…
















Farina meint dazu am
31.03.2007 um 14:30 h
dieser artikel bzw was ich da gelesen habe hat mich sehr gerührt weil es meine meinung wiederspiegelt