Als Floyd und ich wieder mal so taten, als ob wir professionelle Printmagazin Herausgeber wären, und eine »Redaktionssitzung« anberaumen würden, überlegten wir uns, wer denn aus der großen Anzahl hiesiger Dancehall Künstler unserer Meinung nach noch nicht genügend gefeatured wurde. Die Hitliste durchkämmend, kamen wir auf Skarra Mucci. Ein begnadeter Gesangskünstler aus Jamaika, der als fester MC mit dem DeeBuzz Soundsystem durch die Lande zieht. Den Mann haben wir fast überall getroffen, wo wir aufgetaucht sind und selbst wenn wir lange nichts von ihm gesehen haben, dann konnten wir den ein oder anderen Tune von ihm in einer Selektion eines Sounds oder im Radio hören.
Das freute zwar, aber irgendwie schien das Musikgeschäft ihn nur zögerlich wahrzunehmen. Dies und der Fakt, dass wir nun doch lange nichts mehr in der Dancehall Richtung mitbekommen haben, (vielleicht weil wir auch weniger unterwegs waren,) ließ uns entscheiden, den Mann mal wieder anzurufen. Diesmal nicht, um ihn zu buchen.
Wie ich seine Telefonnummer herauskrame, fällt mir ein, wie ich ihn `ca. 98 mit Fred & Barney Sound nach Schweinfurt geholt habe. Dieses von Dancehall Reggae relativ unberührte Nest sollte mal einen richtigen »Dance« erleben. Die Massive, die überwiegend aus Freunden und Verwandten bestand, war am abfeiern auch wenn die Anderen nicht wussten, um was es da ging. Die reden ja auch immer in die Musik rein und halten die Platten zehnmal an. Es war nach dem ersten Mal ein halbes Jahr zuvor, ein Hammer Abend, den dieser Ort lange nicht gesehen hat und auch lange nicht mehr sehen sollte,.... aus reinem Geldmangel. Es kamen aus heiterem Himmel noch der Youthman Promotion Sound und die damaligen Outta Yard Jungs an den Start. Ital Food, Planters Punch und Trillerpfeiffen. So war es ein unvergesslicher Dance! Floyd kam während der Veranstaltung und sagte, er kenne Skarra Mucci von irgendwoher aber ihm fällt`s nicht mehr ein. Doch nach einem kurzen Fotoshoot und Gespräch in der Pause konnte dies geklärt werden. Er war am Summerjam ´97 derjenige, der es Floyd ermöglicht hat auch Fotos Backstage zu schießen, von Künstlern, die er damals so nie vor die Linse bekommen hätte. Ohne irgend was dafür von ihm zu wollen.
Nachdem ich die Nummer gewählt habe, meldet sich Skarra Mucci mit voller King Skarra Entertainment Ansage und ich muss erst mal nachdenken. Ach ja, ich bin`s sunOne von Dread vs. Comb, von R-evolution, der …..«Blessings mi yout`!« werde ich unterbrochen, »whappen? Everyting criss?« Na klar, auf jeden, how are yuh? Ab da war alles flockig und ich erklärte ihm, was ich nun mit ihm so Knall auf Fall vorhabe. Mit einem Interview hatte er kein Problem, auch wenn es jetzt einfach unangemeldet stattfindet. So schaltete ich also die Aufnahme ein.
sunOne: Einige Zeit war ich nicht mehr direkt in der Dancehall aus verschiedenen Gründen, was bedeutet, dass ich nicht mehr auf dem »neusten Stand« bin, was das betrifft….
Skarra Mucci: Well, right now the dancehall is biiiiiiiiiig! Und jeder merkt das auch gerade!
sunOne: Du hast schon ein paar Tunes raus, welche sind das denn alles?
Skarra Mucci: Also, da habe ich mal »No more Babylon«, der über Beatschmieda veröffentlicht wurde auf dem Elemental Riddim. Dieser Song ist auch auf dem »Shining Star« Album von Germaican Records. Auf dem Matador Riddim habe ich »High Grade«; und einen Nummer Drei Hit mit Della Miles »All my life« auf BMG. Für Barney Millah voicte ich »Rise and Shine«, welches auch auf meinem Album kommt. Auf dem »Statements outta Babylon« – Album ist ein Tune von mir, ein Roots Song mit dem Titel »My Dream Ain´t Gone«. Dann ist da erst vor Kurzem der Tune »Bonx It Pon Me« mit den Ganglords rausgekommen. Auch Spectacular hat auf diesen Riddim gevoict und Patrice soll noch darauf rauskommen. Spielen sie sogar auf der Hitliste von DRS 3, dem Radiosender; läuft jeden Tag mindestens zweimal. In Jamaika nahm ich Anfang der Achtziger was auf. Der erste Tune kam nie raus, aber dafür zwei Songs auf Black Solidarity, einem Schwesterlabel von Tuff Gong.
sunOne: Aha, da arbeitest Du also an einem Album…
Skarra Mucci: Ja, definitiv soll die Deadline der 9. März 2004 sein, hauptsächlich von mir produziert mit der Hilfe einiger anderer Produzenten und Komponisten. Ich arbeite mit Tom Lee Patterson aus Berlin; mit Barney Millah (ebenfalls aus Berlin) und auch Thomilla von den Turntable Rockers. Dann noch mit Phillip Schneider von Pot Publishing, mit den Ganglords aus der Schweiz.
sunOne: Na da geht mal was….., wie hat´s denn so angefangen bei Dir mit dem Musikmachen und den übrigen Begebenheiten?
Skarra Mucci: Nun, es fing an als ich geboren wurde. Ich schrie und schrie und schrie! Jetzt weiß ich, es war kein Schreien, es war singen! Hehe, nein, aber das Dancehall Ding ging so ungefähr 1981 los. Ich lebte noch mit meiner Großmutter zwischen St. Catherine und Kingston. Ich wurde in St. Thomas geboren und sie nahm mich mit knapp einem Jahr bei sich auf. So kam es dann irgendwann und ich ging da noch sehr jung auf einen Dance, machte was am Mikro und die Leute sagten: Hey mann, du bist so gut, du solltest mit uns kommen. Also ging ich mit ihnen anfangs nach Spanish Town und dann später nach Kingston. Es war aber nicht leicht als neunjähriger mich so durch zu schlagen. Als ich etwa zehn Jahre alt war, verdiente ich mir mein Schuldgeld mit Singen. Es war zwar nicht einfach, aber ich hatte Freunde, denn damit hatte ich noch nie ein Problem, es war immer leicht für mich Freundschaften zu finden. Auch wenn ich zeitweise in einem kleinen Hüttchen inmitten eines Ziegengatters lebte, weil ich mir Geld für die Schule verdienen musste mit Ziegenhüten, war das insgesamt eine schöne Zeit. Dann verschlug es mich nach St. Andrew wo ich mit einem Sound names Long Lane zusammen war. Ich arbeitete mittlererweile schon mit Beenieman, mit Bounty Killer und mit Shinehead und so vielen anderen, die mir nicht mehr einfallen.
sunOne: Viele Namen (die Liste ging noch weiter mit unbekannten und bekannten Sounds) hast Du nun genannt, auch Travellers, wo Du auf Horace Andy und Major Makkrel (richtig geschrieben?) trafst…...was hat dich da also dann bewogen nach Deutschland zu kommen?
Skarra Mucci: Nach 1988 war in Jamaika ein großer Wirbelsturm namens »Gilbert« am Wüten; ich ging mit Travellers Sound nach Westmoreland und da bekamen wir ein Booking nach Hannover in Deutschland. Hier traf ich Daniela von Kingstone Recordings und ich sah dass es in Deutschland besseres Equipment gab. Also wollten sie Aufnahmen hier machen. So arbeitete ich drei Monate in Europa, auch mit den Ganglords und Dread Colors machte ich Shows, und letztere brauchten eben einen Sänger für ihre Band. Dann war da noch ein Mann namens Eddy Hufler, der für einen Typen namens Turbo B einige Dinge gecheckt hat, Samples und so…., und diese zwei taten sich zusammen um mich wieder aus Jamaika zurück zu holen.
Also kam ich etwa 94 wieder nach Deutschland und bin seit dem hier! Hier versuche ich nun die Sache durchzuziehen obwohl es am Anfang schwerer aussah, da die meisten mit Dancehall nichts am Hut hatten. Sie meinten es wäre jamaikanische Popmusik und dass Raggamuffin für sie zu hart wäre. Sie wollten mehr Bob Marley hören als sonstiges. Ich erinnere mich noch an einen Promoter in Konstanz, der mich ausbezahlte und heimschickte, da er meinte die Leute stehen nicht so auf meine Musik. (lacht) So mache ich das hier in Deutschland also seit knapp zehn Jahren jede Woche. Mit ungefähr drei Shows wöchentlich. Es bringt nicht immer was rein, denn oft bleiben dir nur noch…wie sagt ihr… »Almosen«, weil der ein oder andere Event schlecht beworben wurde und nur wenig Leute aufgetaucht sind. Jetzt ist Dancehall groß und einige scheinen sich nicht mehr an mich zu erinnern und mich nicht mehr zu sehen.
sunOne: Na, deswegen haben wir uns ja auch gefragt was da abgeht und wollten Dich eben mal betreffs der Sachlage interviewen. Du bist doch greifbar für Jeden am Start.
Skarra Mucci: Ja, aber jetzt holt man sich halt deutsche Artists oder Künstler aus Jamaika die keiner kennt. Aber sie hören von ihnen im Radio oder im Dance. Sie sagen zwar, dass ich gut bin, aber wollen nicht mit mir arbeiten. Da gibt´s auch Produzenten, die meinen ich brauche zu viel Aufmerksamkeit und sie holen sich dann doch lieber einen jüngeren, unerfahrenen Künstler, niemand, der schon zu viel Ahnung vom Reggae Geschäft hat. Man kann Unerfahrene eben mehr beeinflussen, da sie froh sind darüber und viel mit machen. Viele kommen vom Hip Hop und machen jetzt mal Dancehall. Daher müssen sich eben dann die Leute, die schon zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre in der Sache involviert sind zusammen tun um etwas zu schaffen. Denn ich sage, Reggae wird groß in Deutschland,........und wird dann auch wieder fallen!
sunOne: Vielleicht wird es so laufen wie mit dem Hip Hop hier,....doch nicht ganz so groß werden….
Skarra Mucci: Es wird, es wird! Eigentlich ist es momentan schon so groß, es kommt auch auf die Künstler an…..
sunOne: ... und wie lange es läuft…; was hältst Du dann von deutschen Lyrics?
Skarra Mucci: Right, right….., ja deutsche Lyrics sind gut, ich betrachte sie als unabhängig. Ich mag Nosliw…., Nosliw is very, very, very good!
sunOne: Was denkst Du über die schweizer Szene, sind die Leute da mehr Roots- oder mehr Dancehall-lastig? Du bist doch ab und zu in der Schweiz und hast da Einblick, oder?
Skarra Mucci: Ich bin in abwechselnd in Deutschland und in der Schweiz. Und da bin ich nicht nur reggaemässig unterwegs,...ich bin Entertainer, mann….da lege ich mich nicht auf ein Ding fest, sondern mache auch noch R´n´B, mache etwas Blues oder auch Soul, doch es ist überwiegend Reggae orientiert, weißt du.
sunOne: Ja, auf einem Sampler hörte ich einen Deiner Tunes, von Teka (Rootdown) produziert, „She´s My Lady“. Auf der einen Seite gefiel er mir, auf der anderen Seite war ich überrascht, denn ich erwartete eben einen gediegenen Reggae, wie ich ihn von Dir kenne.
Skarra Mucci: Na das ist doch gut, das mag ich, wenn jemand ein Lied von mir hört das er so nicht erwartet hätte. Wenn es trotzdem gut ist und derjenige eben nur verwundert ist, dann freut´s mich erst recht. Dieser Song wird auch auf dem Album sein. Es werden so vier Tunes drauf sein, die man schon kennt. Um die Veröffentlichung kümmert sich dann einer von den Ganglords. Diese Band gibt es schon seit einigen Jahre in der Schweiz, doch sie hatten nun lange nichts mehr raus. Jetzt stehen die Kontakte wieder und das kommt auch mir zugute. Ich hab da auch einen Tune »Walk Like A Jamaican« für einen Film gemacht. Der müsste jetzt bald laufen.
sunOne: Babylon,.....wie Rastas es sehen, Christen, Andere, Leute allgemein und überhaupt…., was bedeutet Babylon für Dich?
Skarra Mucci: Für mich….., Babylon ist für Jeden eine individuelle Sache! Ich sehe Babylon nicht als Polizei, oder als Geld, sondern als das gesamte System an sich in dem wir leben. Wir sind umgeben von Babyloniern! Also musst du die Dinge wissen und sehen,.... und machen was richtig ist. You can´t get away from it, you have to get along in it! Du kannst da nicht rauskommen, sondern musst schauen, wie du innerhalb dessen mit zurecht kommst.
Doch trotzdem gilt auch dieses Abschlußstatement: Music is love! And music is there to spread the glorious tings about Jah, yuh know! Und all die Gefühle die wir in uns tragen, in unserer Seele. Was bleibt mir zu sagen? Yagayau, anywhere anyhow, cyaan stop, yuh know, boom – reggae pon top!
















nick meint dazu am
08.08.2006 um 14:58 h
Na das ist ja mal eine Überraschung. Der Skarra hier, auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr in der Dancehall gesehen habe. Doch die damaligen Tunes, von denen ihr im Artikel schreibt waren in Teilen wirklich richtig gut.
Nick